Bandscheibenvorfall: Entstehung, Verlauf, Therapie

„Sitzen ist das neue Rauchen“, so sagt man. So ist es kein Wunder, dass immer mehr Menschen in Deutschland einen Bandscheibenvorfall erleiden und teilweise jahrelang von diesem geplagt sind. Dies liegt daran, dass kein Bandscheibenvorfall dem anderen gleicht und jeder Mensch unterschiedlich auf mögliche Therapieformen reagiert. Wie ein Bandscheibenvorfall genau entsteht, wie er verlaufen kann und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt…

Bandscheibenvorfall: Entstehung, Verlauf, Therapie

Definition: Was ist ein Bandscheibenvorfall?

Die 23 Bandscheiben befinden sich zwischen den Wirbeln im Rücken und dienen dort als eine Art eine Puffer. Sie federn Stöße und verhindern, dass die Wirbel aneinander reiben und sich abnützen oder Nervenbahnen schädigen. Eine Bandscheibe besteht außen aus festem Gewebe (dem sogenannten Faserring) und innen aus einem Gallertkern, der wie eine Art Gelkissen funktioniert.

Ein Bandscheibenvorfall (medizinisch: Prolaps, englisch: disc prolapse) entsteht dann, wenn durch eine Bindegewebsschwäche der Gallertkern austritt oder sich verformt und in der Folge auf Nervenbahnen im Rückenmark drückt. Diese Bindegewebsschwäche, verursacht durch Flüssigkeitsverlust, die den Faserring unelastisch werden lässt, tritt meist bei Menschen zwischen 30 und 50 auf, kann jedoch auch Personen in höherem Alter betreffen.

Da in der Bandscheibe selbst keine Nerven verlaufen, kann es sein, dass ein Bandscheibenvorfall völlig unbemerkt bleibt. Schmerzhaft wird es erst, wenn der ausgetretene Gallertkern auf einen Nerv trifft.

Ein Bandscheibenvorfall kann grundsätzlich überall in der Wirbelsäule auftreten:

  • Zwischen den sieben Wirbeln der Halswirbelsäule (HWS)
  • Zwischen den zwölf Wirbeln der Brustwirbelsäule (BWS)
  • Zwischen den fünf Wirbeln der Lendenwirbelsäule (LWS)

Aufgrund der Tatsache, dass wir heutzutage viel häufiger (mit gebeugtem Rücken) sitzen als früher, entsteht ein Bandscheibenvorfall in den allermeisten Fällen in der unteren Rückenpartie, also der LWS (90 Prozent der Vorfälle). Aber auch der Nacken, also die HWS ist nicht selten betroffen. Denn sitzende Tätigkeiten belasten die Bandscheiben einseitig und können einen Bandscheibenvorfall fördern. Sie sind zwar nicht unbedingt die Ursache, aber doch häufig der letztendlich entscheidende Auslöser.

Ein Bandscheibenvorfall kommt übrigens nicht nur beim Menschen vor: Auch Tiere, wie zum Beispiel der Hund, können einen Bandscheibenvorfall erleiden – wenn auch viel seltener.

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Ursachen: Wo und wie entsteht ein Bandscheibenvorfall?

Die Ursache, warum ein Bandscheibenvorfall entsteht, liegt wie schon erklärt in der Schwäche des Faserrings. Die Stabilität dieses Faserrings ist von Mensch zu Mensch von Natur aus unterschiedlich. Dennoch können einige Belastungen den Ausbruch des Gallertkerns letztendlich begünstigen beziehungsweise beschleunigen:

  • Heben schwerer Lasten
  • Falsche Belastung des Rückens
  • Häufiges Sitzen
  • Alterungsprozesse
  • Übergewicht
  • Mangelnde Bewegung

Manchmal entsteht ein Bandscheibenvorfall sukzessive, manchmal aber auch plötzlich wie ein Hexenschuss. Gerade in der LWS kommt es dabei häufig zu großen Schmerzen, die bis ins Bein und manchmal sogar in den Arm ausstrahlen. Da der Ischiasnerv nahe den Bandscheiben verläuft, klagen Betroffene häufig über dumpfe, starke, ein- oder beidseitige Schmerzen in Ober- und Unterschenkel, mitunter sogar über Taubheitsgefühle oder gar Lähmungserscheinungen.

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Bandscheibenvorfall: Symptome und Dauer

Einen Bandscheibenvorfall nur anhand der Symptome zu erkennen, ist kaum möglich. In der Regel muss dieser anhand einer MRT-Untersuchung (Magnetresonanztomographie) bestätigt werden. Denn nur bei ungefähr vier Prozent aller Rückenschmerzpatienten handelt es sich um einen Bandscheibenvorfall. Dazu kommt, dass nicht jeder Bandscheibenvorfall Beschwerden verursacht.

Dennoch gibt es einige Symptome, die typisch für einen Bandscheibenvorfall sind:

  • Starke Rückenschmerzen
  • Verhärtete Rückenmuskulatur
  • Schmerzausstrahlung oder Kribbeln in Bein oder Gesäß (LWS) beziehungsweise Arm (HWS)
  • Vereinzelt Kopfschmerzen

Treten diese Beschwerden auf, sollten Sie einen Orthopäden aufsuchen. Dieser klärt dann, welche Behandlung nötig ist.

Ein Bandscheibenvorfall zieht sich in den meisten Fällen sehr lange hin, selbst wenn er behandelt wird: Selten nur über einige Wochen, meist über mehrere Monate. Unter Umständen leiden Patienten jahrelang unter einem Bandscheibenvorfall und probieren viele unterschiedliche Therapien aus.

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Bandscheibenvorfall: Diagnose und Therapie

Wer mit Rückenschmerzen oder Beschwerden in Bein oder Arm zum Orthopäden kommt, wird von diesem zunächst einmal ausgiebig nach Beschwerden und Lebensumständen befragt. Dieser sogenannten Anamnese schließt sich eine eingehende Untersuchung an, die zunächst aus Abtasten des Rückens und bildgebenden Diagnosemethoden wie der Magnetresonanz-Tomographie (MRT), Computer-Tomographie (CT) beziehungsweise einer Röntgenuntersuchung besteht. So werden die genauen Beschwerden analysiert und lokalisiert.

Dennoch zeigen diese Bilder nur einen Teil der Problemstellung. Häufig entwickelt sich durch einen Bandscheibenvorfall eine sogenannte Schmerzspirale: Dem Schmerz versucht der Körper unwillkürlich durch eine Art Schonhaltung entgegen zu wirken, was zu einer Verspannung der Muskelpartien führt, die wiederum die Schmerzen verstärken, wodurch sich weitere Fehlhaltungen entwickeln.

Häufig ist also nicht der Bandscheibenvorfall selbst das eigentliche Problem und der Schmerzverursacher, sondern eine Fehlspannung der Muskeln und Faszien.

Darum ist man inzwischen davon abgekommen, vorzeitig zu operieren. Früher wurde ein Bandscheibenvorfall sehr viel schneller und somit häufiger einer Operation (OP) unterzogen. Das Ergebnis zeigte jedoch oftmals nicht den gewünschten Erfolg.

Inzwischen gehen die Mediziner mit mehr Geduld an einen Bandscheibenvorfall heran. Es ist klar, dass sich ein Therapieerfolg nicht über Nacht einstellen kann. Daher wird zum Glück zunehmend manuelle Therapie verschrieben. Das bedeutet, dass sich ein Physiotherapeut zunächst in vielen Behandlungen der Beschwerden annimmt. Dabei sind seine Möglichkeiten durchaus vielfältig:

  • Krankengymnastische Übungen
  • Massagen zur Muskellockerung
  • Behandlungen durch Wärme
  • Muskelentspannung und Dehnung der Wirbelsäule im Schlingentisch
  • Entspannungsübungen

Parallel dazu werden häufig Schmerzmittel verschrieben, um zum einen den Alltag für die Patienten einigermaßen erträglich zu gestalten und um zum anderen zu verhindern, dass sich ein sogenanntes Schmerzgedächtnis bildet, das wiederum zu weiteren Fehlhaltungen führt.

Wenn all dies nichts nutzt oder besteht gar eine Lähmung, wird als äußerstes Mittel schließlich zur OP gegriffen. Dabei gibt es verschiedene Verfahren:

  • Minimal-invasive Methoden

    Mit einem Operationsmikroskop, einem Endoskop beziehungsweise kleiner Spezialinstrumente wird die betroffene Bandscheibe quasi abgeschnitten, um die Nerven wieder zu entlasten. Dabei sind nur kleine Schnitte nötig, weshalb diese Technik auch als minimal-invasives Verfahren bezeichnet wird. Da die OP unter Vollnarkose durchgeführt wird, besteht wie bei jeder Operation ein geringes Risiko. In sehr seltenen Fällen wird auch der Nerv verletzt – Zwischenfälle dieser Art sind jedoch eher die Ausnahme.

  • Offene Diskektomie

    Hier sind größere Schnitte nötig. Dieses Verfahren wird inzwischen seltener angewandt, da die Risiken etwas größer sind. Da aber nicht jeder Arzt das minimal-invasives Verfahren beherrscht und nicht jeder Patient über eine lange Strecke in eine Spezialklinik transportfähig ist, kann es sein, dass dieses Verfahren nach wie vor angewandt werden muss. Auch hier wird die Bandscheibe teilweise entfernt.

  • Laserdiskusdekompression

    Ist der Faserring nur verformt, aber noch nicht durchbrochen, können diese Verformungen mit einem kleinen Laser quasi weggebrannt werden. Auch dieses Verfahren ist nur mit einem geringen Eingriff verbunden und gilt daher als eher risikoarm.

  • Implantate

    Wo früher einfach die entsprechende Rückenpartie versteift wurde, wenn die Bandscheibe völlig zerstört war, können heute Implantate eine gesunde Bandscheibe imitieren. Diese Methode kommt nur bei wirklich schweren Vorfällen in Betracht, da sie sehr aufwändig ist und Langzeitstudien dazu fehlen.

Erste Hilfe: Was tun bei Bandscheibenvorfall?

Bei einem akuten Bandscheibenvorfall hilft es den Patienten meist, wenn sie in der sogenannten Stufenlage ruhiggestellt werden. Das bedeutet, dass der Rücken flach auf einer festen Unterlage liegt und die Beine im 90-Grad-Winkel hochgelagert werden. So wird der Rücken entlastet.

Ging man jedoch früher davon aus, dass ein Bandscheibenvorfall über mehrere Wochen in dieser Schonlage gestützt werden muss, ist man sich heute sicher, dass dies nur als erste Maßnahme taugt, um akute Schmerzen zu vermeiden. Im Gegenteil: Durch diese Haltung können sich dauerhaft die stützenden Muskeln zusätzlich zurückbilden und die Beschwerden verstärken sich langfristig unter Umständen noch.

Inzwischen weiß man, dass eine verformte Bandscheibe so gut wie möglich in Bewegung gehalten werden muss. Das bedeutet: Die beste Therapie ist, die Beweglichkeit des Rückens durch leichte Übungen zur Dehnung zu erhalten – notfalls auch durch die Gabe von Schmerzmitteln. Dies sollte jedoch ausschließlich auf ärztliche Anweisung hin geschehen.

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Einem Bandscheibenvorfall vorbeugen

Obwohl auch gesunde Sportler und fitte Menschen einen Bandscheibenvorfall erleiden können, gibt es einige Möglichkeiten, wie Sie das Risiko, daran zu erkranken, minimieren können:

  • Bewegung

    Halten Sie den Rücken beweglich, am besten mit unterschiedlichen, gymnastischen Übungen, die Sie täglich ausüben. Achten Sie dabei darauf, dass Sie insbesondere auch die Bauchmuskelpartien, die normalerweise im Alltag durch das viele Sitzen völlig vernachlässigt werden, stärken, damit Ihr Rücken dadurch besser gestützt werden kann. Auch Schwimmen und Yoga sind gut.

  • Gewicht

    Vermeiden Sie Übergewicht, denn dieses setzt sich meistens an der Körpervorderseite an und zieht diesen zusätzlich nach vorne, weshalb die Rückenstreckermuskulatur stärker arbeiten muss und so die Bandscheiben zusätzlich belastet.

  • Matratze

    Wählen Sie eine Matratze, die Ihren Rücken im Schlaf ausreichend stützt und nicht zu weich ist. Am besten eine, die auch in verschiedenen Schlafpositionen angenehm ist.

  • Tätigkeiten

    Vermeiden Sie wo es geht zu langes Sitzen und zu schweres Heben. Stehen Sie öfters von Ihrem Schreibtisch auf und bewegen sich etwas, damit die Bandscheiben ihre Funktion ausüben können, gedrückt und wieder entspannt zu werden. Auf diese Weise sorgen Sie dafür, dass die diese nicht „verhungern“, sondern sich stetig mit Flüssigkeit füllen und wieder entleeren können. Und wenn Sie etwas tragen müssen, achten Sie dabei darauf, die Wirbelsäule möglichst gleichmäßig und rückenfreundlich zu belasten. Heben Sie körpernah und vermeiden Sie ein Hohlkreuz.

Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und informiert Sie nur allgemein. Er kann und soll eine medizinisch-ärztliche Beratung nicht ersetzen. Vor der Einnahme eines Medikamentes lesen Sie bitte die Packungsbeilage sorgfältig durch und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

[Bildnachweis: Guatiero Boffi by Shutterstock.com]

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