Egoismus: Darf ich an mich zuerst denken?

Im Alter haben wir endlich Zeit, an uns zu denken. Doch dürfen überhaupt unserem Egoismus stattgeben? Sollten wir nicht vermehrt für andere da sein? Ist Egoismus etwas Gutes oder etwas Schlechtes? Und in wie weit dürfen wir ihn ausleben?

Diese Fragen stellen sich viele Senioren. Ihr Leben lang waren sie es gewohnt, für andere Menschen zur Verfügung zu stehen: die Familie, den Arbeitgeber, die Freunde… Da verlernt man schon einmal, auf die eigenen Bedürfnisse zu hören.

Warum eine gesunde Portion Egoismus gerade im Alter wichtig ist und wann es zu viel ist, möchten wir an dieser Stelle erörtern, um Ihnen womöglich den einen oder anderen Gedankenanstoß geben zu können…

Egoismus: Darf ich an mich zuerst denken?

Definition: Was ist Egoismus?

Egoismus hat einen negativen Ruf: Egoisten stellen sich ständig in den Mittelpunkt und bringen keine Empathie für die Gefühle und Sichtweisen anderer auf. Ihre eigenen Problemen sind stets die Schlimmsten, die anderer Menschen spielen keine Rolle. Stattdessen geht es für die Egoisten nach Meinung vieler nur darum, stets ihren eigenen Vorteil aus allem zu ziehen, ohne Rücksicht auf Verluste.

Dabei ist die ursprüngliche Wortbedeutung, die sich vom Lateinischen Wort Ego (also: „ich“) herleitet, eher mit „Eigeninteresse“ und „Eigenliebe“ zu übersetzen. Die negative Bedeutung, dass daraus die übertriebene Form, also die Eigensucht, der Narzissmus oder die Selbstverliebtheit wird, hat sich erst mit der Zeit in der Umgangssprache durchgesetzt.

Ursprünglich ist Egoismus also nichts Negatives, sondern etwas Neutrales. Und als solches sollte der Begriff möglichst auch wieder betrachtet werden: Es geht darum, durchaus zu seinen eigenen Interessen zu stehen, jedoch ohne anderen damit zu schaden. Entgegen anders lautender Behauptungen müssen sich Rücksichtnahme und Egoismus nicht ausschließen.

Insofern gilt es, den gesunden Egoismus von der Egozentrik zu unterscheiden, bei der sich der Betroffene – wie das Wort schon sagt – im alleinigen Zentrum seiner Umgebung verortet.

Vielmehr geht es beim Egoismus darum, seine eigenen Bedürfnisse in den Einklang mit der Umgebung zu bringen und diese zu äußern und dazu zu stehen. Nach dem Motto: „Wenn ich schon nicht an mich denke – wer soll es dann tun?“

Auf diese Weise kann uns Egoismus vor Ausnutzung schützen und somit langfristig einen Beitrag dazu leisten, nicht unzufrieden mit unserem Leben oder unter Umständen sogar seelisch krank zu werden.

Egoismus im Alter: Endlich Zeit für die eigenen Bedürfnisse?

Wer sein ganzes Leben lang für andere da gewesen ist und sich aufgeopfert hat, der hat im Alter alles Recht darauf, endlich auch an seine eigenen Bedürfnisse zu denken.

Doch das ist für viele nicht zu einfach. Gesellschaftlich ist Egoismus gemeinhin verpönt. Kein Wunder: Ist es doch für jeden Menschen unbequem, wenn das Gegenüber nur an sich denkt.

Allerdings können Sie es ohnehin nicht allen Menschen recht tun: Vielen, denen Sie den berühmten kleinen Finger hinstrecken, ist dies nicht genug und sie greifen nach der ganzen Hand.

Insofern sollten Sie die Vorteile für einen gesunden Egoismus sehen und Ihre eigenen Interessen deutlich kommunizieren:

  • Mit Egoismus finden Sie in vielen Fällen eine Lösung für ein Problem, die zu Ihnen passt.
  • Mit Egoismus entwickeln Sie mehr Selbstbewusstsein – im wahrsten Sinne des Wortes: mehr Bewusstsein über sich selbst und Ihre Bedürfnisse.
  • Mit Egoismus werden Sie glücklicher und zufriedenener, da Sie Ihre eigenen Wünsche verwirklichen können und so mehr Lebensfreude entwickeln.
  • Mit Egoismus fällt es Ihnen daher auch leichter, das Verhalten anderer akzeptieren zu können. Wer selbst Egoismus an den Tag legt, versteht den des Gegenübers zumeist ebenfall deutlich besser.

Der Splitter im Auge des Anderen und der Balken im eigenen

Wer egoistisch ist, ist unbequem. Das liegt in der Natur der Sache, da Ihre eigenen Interessen nur selten denen der anderen Menschen entsprechen.

Schnell werden wir dann als Egoist beschimpft. Doch entspricht das wirklich der Realität? Wer einen Menschen des übertriebenen Egoismus bezichtigt, ist meist selbst ein großer Egoist, da es ihn nervt, auf Widerstände zu stoßen bei der Durchsetzung seiner Bedürfnisse.

Nennt Sie jemand einen Egoisten, zeigt das im Grunde nur, dass der andere mindestens genauso sehr auf den eigenen Vorteil bedacht ist – oder vielleicht noch viel egoistischer handelt.

Solch ein Verhalten wurde sogar bereits schon in der Bergpredigt thematisiert:

Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? (Mt, 7, 3-5)

Wer also über einen anderen Menschen richtet und diesem Egoismus unterstellt, hat meist nur zum Ziel, diesen zu manipulieren und ihm Schuldgefühle einzureden, um dann selbst zu profitieren. Eigene Fehler werden dabei womöglich ignoriert.

Was oft hinter Egoismus steckt

Personen, die Egoismus an den Tag legen, tun dies meist aus bestimmten Hintergründen heraus. Diese müssen nicht immer negativ sein. Wichtig ist vielmehr, sich selbst zu hinterfragen, ob auch auf einen selbst eines oder mehrere der folgenden Gefühle zutrifft:

  • Minderwertigkeitsgefühl
    Das Gefühl, stets zurückgesetzt und weniger bedeutend zu sein, verursacht häufig das andere Extrem: Egoismus, koste es was wolle. Meist bricht dieses Verhalten dann plötzlich und rücksichtslos aus.
  • Mangel
    Wem an anderer Stelle etwas Entscheidendes im Leben fehlt, der versucht dies nicht selten damit zu kompensieren, sich empathielos über andere Menschen hinweg zu setzen, um diesen Mangel zumindest durch ein kurzes und vermeintliches Triumph- oder Glücksgefühl zu ersetzen.
  • Stress
    Wer unter Zeitdruck ist, verliert schnell die Interessen anderer aus den Augen. Im Gegenteil: Stress verursacht einen Tunnelblick – es geht nur noch darum, die eigenen Ziele möglichst schnell durchzusetzen.
  • Empathielosigkeit
    Gesunder Egoismus bedeutet wie erwähnt, sich auch in andere hineinversetzen zu können. Doch diese Fähigkeit hat leider nicht jeder erlernt.
  • Frust
    Enttäuschungen und Frustrationen gehören zum Leben. Doch nehmen sie überhand und gelingt es nicht, diese zu auszuhalten, kann ein rücksichtsloser Egoismus die Folge sein, um sich zu schützen.

Wenn Sie sich hier wiedererkennen, geht es nicht mehr rein darum, Ihre eigenen Bedürfnisse positiv zu verwirklichen, sondern darum, ein gewisses Defizit zu beseitigen.

Egoismus ist also nicht mehr nur Mittel zum Zweck um mehr Lebenszufriedenheit zu bekommen, sondern deutet vielmehr auf tiefgreifendere Probleme hin, an deren Ursache zunächst gearbeitet werden sollte.

Info: Egoismus in unserer Gesellschaft

Das Idealbild in unserer Gesellschaft ist die Selbstlosigkeit – der Altruismus. Der friedfertige Mensch, der immer zuerst an alle anderen denkt und zuletzt an sich selbst.

Dabei wird oft vergessen, dass auch hinter nahezu jedem Altruismus ein Egoismus steht. Denn selbst uneigennützigen Verhalten dienst den meisten dazu, ihre eigenen Gefühle und Interessen zum Ausdruck zu bringen: Sei es das reine Gewissen, das sie sich verschaffen oder das Gefühl, die Welt zu einer besseren gemacht zu haben, in der sie selbst auch angenehmer leben können. Oder aber sie suchen nach Anerkennung.

So bringen auch vermeintlich altruistische Gefallen das Gegenüber in die moralische Verlegenheit, dem Wohltäter einen Gefallen zu schulden. Dies geschieht tagtäglich: in der Familie, in Job, zwischen Freunden…

Damit sollen diese Handlungen keinesfalls schlecht geredet werden – im Gegenteil: Es ist gut, wenn jemand seinen Egoismus dazu einsetzt, auch anderen Menschen etwas Gutes zu tun. Dennoch sollten wir gesellschaftlich damit aufhören, moralisch zwischen edlen und unethischen Motiven zu unterscheiden.

So können Sie gesunden Egoismus an den Tag legen

Im Alter auch einmal an seine Bedürfnisse und an sich selbst zu denken und es eben nicht mehr jedem recht zu machen – das klingt vernünftig. Und einfach.

Doch wer es ein Leben lang anders gewohnt war und immer nur an das Wohl der Mitmenschen gedacht hat, dem fällt die Umsetzung mitunter ziemlich schwer.

Daher drei wichtige Tipps, wie Sie sukzessive mehr Egoismus an den Tag legen können:

  • Zeigen Sie klare Grenzen auf. Reflektieren Sie, was Sie machen möchten und was nicht mehr und kommunizieren dies auch unmissverständlich. Gerne dürfen Sie auch aufzeigen, warum Ihnen diese Grenzen so wichtig sind.
  • Reden Sie über Ihre Wahrnehmung und insbesondere darüber, welche Gefühle entsprechendes Verhalten Ihrer Mitmenschen in Ihnen auslöst. So wecken Sie die Empathie Ihres Gegenübers.
  • Glauben Sie an Ihre eigenen Stärken und Ressourcen. Machen Sie sich klar, was Sie auszeichnet und stehen Sie unmissverständlich dazu. Prahlen Sie ruhig auch einmal mit Ihren Erfolgen und Leistungen im Leben, von denen Sie bestimmt mehr als genug vorzuweisen haben.
[Bildnachweis: herbstlust by Shutterstock.com]
11. August 2020 Redaktion Icon Autor: Herbstlust Redaktion

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