Ehe ohne Sex: Kann das funktionieren?

Wer lange verheiratet ist, mag das womöglich kennen: Mit den Jahren verlieren beide Partner zunehmend die sexuelle Lust aufeinander – in der Ehe sind nun Routinen wichtiger geworden als Leidenschaft.

Eine Ehe ohne Sex muss nicht zwangsläufig ein Problem sein, wenn beide Ehepartner sich damit arrangieren können. Doch oftmals ist die Lust auf Sexualität einseitig nach wie vor vorhanden.

Wie Sie in diesem Fall einen gemeinsamen Nenner finden können, ob eine Ehe ohne Sex vielleicht sogar ein Normalfall sein könnte und viele weitere Fragen rund um das Thema klären wir hier.

Ehe ohne Sex: Kann das funktionieren?

Ehe ohne Sex: Ist das außergewöhnlich?

Wer verheiratet ist, der darf auch miteinander schlafen – diese Weisheit galt über Jahrhunderte mal mehr oder weniger als unausgesprochene Regel oder gar als gesellschaftliche Konvention. Doch in einer Zeit, in der die Menschen zunehmend älter und die Möglichkeiten des Zusammenlebens in vielseitigerer Form akzeptiert werden, spielt auch ein Thema eine Rolle, das lange ein Tabu war: MUSS man in der Ehe eigentlich Sex haben? Ist es nicht auch völlig normal, dass sich mit der Zeit die Liebe verändert und eine gegenseitige Verlässlichkeit viel wichtiger wird als die Leidenschaft? Schließt sich das überhaupt aus?

Zu diesem Thema kann es gar keine einhellige Meinung geben. Selbstverständlich ist jeder Mensch unterschiedlich und damit auch dessen Libido. Und selbstverständlich kann sich diese auch im Laufe der Jahre verändern. Sei es aus körperlichen Gründen oder aus psychischen.

Wie oft eine Ehe ohne Sex vorkommt, dazu kann es demnach auch keine aussagekräftigen Studien geben. Schließlich definiert alleine den Begriff jeder Mensch anders – auch abhängig davon, wie sich die Leidenschaft im Gegensatz zu den Anfangsjahren einer Ehe verändert hat.

Fakt ist jedoch, dass eine Ehe ohne Sex öfter vorkommt, als viele denken. Und das ist dem Grunde nach auch völlig normal. Zwar wird das Thema von vielen immer noch tabuisiert und die wenigsten Menschen reden gerne darüber – das ändert jedoch nichts daran, dass es existiert. Es gibt sogar Beziehungen, in denen die Sexualität von Beginn an nie eine bedeutende Rolle spielte – zum Beispiel wenn einer oder beide Partner asexuell veranlagt sind.

In vielen Fällen ist eine einseitig nachlassende Leidenschaft jedoch problematisch, denn den anderen Partner quält dies. Ehe ohne Sex ist dann meist eher nur ein Symptom für ein tieferliegendes Problem in der Ehe – meist aufgrund von fehlender Kommunikation. Eine Paartherapie kann helfen, aus dieser Dynamik auszubrechen.

Warum Sex eine so große Bedeutung hat

Unsere Gesellschaft hat sich in den vergangenen Jahren in Bezug auf den Umgang mit Sexualität erheblich gewandelt. Überall begegnet uns das Thema Sex – teils offensichtlich, teil unterschwellig. In der Werbung, in Filmen und Serien, in Romanen, in Gesprächen…

Wer keinen Sex (mehr) hat, fühlt sich in dieser Welt daher oft minderwertig und nicht dazugehörig. Dabei ist ein Leben ohne Sexualität nichts, wofür man sich schämen müsste – es ist lediglich noch eines der letzten Tabuthemen unserer Zeit. Damit hat sich der Zeitgeist in den letzten Jahrzehnten quasi um 180 Grad gedreht. Wo früher noch der Sex das Tabu war, da ist es heute die „Sexlosigkeit“.

Dennoch ist Sexualität natürlich eines unserer Grundbedürfnisse und der Drang danach in den Genen veranlagt. Doch als dieses sollten wir das Thema auch behandeln und ihm nicht diese überhöhte Bedeutung zumessen, die ihm gesellschaftlich zunehmend zuteil wird.

So funktioniert die Liebe auch ohne Sex

Viele Menschen sind der Auffassung, dass Liebe und Sexualität untrennbar miteinander verbunden sein müssen. Nach dem Motto: „Wenn mein Partner mich liebt, dann begehrt er mich auch und weiß, was ich brauche.“

Dennoch muss das nicht zwangsläufig so sein. Es gibt etliche Zwischenstufen, die trotzdem einen liebevollen Umgang miteinander ausdrücken können, ohne dass es zum eigentlichen sexuellen Akt kommt. Eine erfüllte Ehe kann sich auch durch andere Parameter auszeichnen, wie zum Beispiel:

  • Umarmen
  • Küssen
  • Kuscheln
  • Händchenhalten

Auch bei solchen liebevollen und zärtlichen Berührungen schüttet das Gehirn bereits Glückshormone aus – bei nicht wenigen Menschen sogar mehr als bei den eigentlichen sexuellen Handlungen oder sogar beim Orgasmus.

Wenn das sexuelle Begehren jedoch von einer Seite deutlich größer ist als von der anderen, ist es wichtig, darüber zu reden. Manche Ehepaare finden die Lösung darin, eine offene Beziehung zu führen, in der sich einer der beiden Partner seine sexuelle Befriedigung außerhalb der Ehe sucht. In diesem Fall wird Liebe und Sexualität tatsächlich konsequent voneinander getrennt. Allerdings ist dies nur für die wenigsten Menschen ein funktionierendes Modell – steht in der Regel doch die Eifersucht einer der beiden Partner dieser vermeintlich einfachen Lösung im Weg.

Für viele führt der Königsweg zu einer glücklichen Beziehung über eine vertrauensvolle und offene Kommunikation. Dazu zählt auch das Thema der Sexualität. Es geht hierbei nicht darum, irgendwelchen pseudogesellschaftlichen Idealen nachzueifern, sondern einen eigenen Weg im Umgang miteinander zu finden und auch gegenseitige Unzufriedenheiten klar zu äußern. Und darum, die gegenseitige Neugier aufeinander nicht zu verlieren.

Auf diese Weise finden viele Paare eine Zwischenlösung, die für sie passt: Sei es eine Beziehung mit wenig Sex oder sei es eine Beziehung, die mehr Wert auf Kuscheln, Wärme und vermeintlich platonische Zärtlichkeiten legt.

Häufige Fragen zum Thema Ehe ohne Sex

Das Thema Ehe ohne Sex wird immer wieder von Fragen begleitet, mit welchen sich die Betroffenen an Paartherapeuten wenden. Wir haben die häufigsten von ihnen gesammelt und versucht, entsprechende Antworten, Tipps oder Lösungswege aufzuzeigen – selbstverständlich ohne eine pauschale Gebrauchsanweisung liefern zu können. Diese muss jedes Paar für sich persönlich und individuell finden.

  • Mein Partner möchte nicht mehr mit schlafen – was kann ich tun?
    Der erste Weg sollte immer sein, die eigenen Bedürfnisse offen anzusprechen. Resignieren Sie nicht. Schließlich haben Sie Ihren Partner ja damals geheiratet, weil Sie einen Menschen gefunden haben, dem Sie bedingungslos vertrauen können. Stellen Sie sich dabei persönlich auch die Frage, welche Qualitäten Sie in die Beziehung mit einbringen und was Ihr Partner an Ihnen schätzt oder früher geschätzt hat. Ist hier im Laufe der Jahre etwas auf der Strecke geblieben und verloren gegangen? Wie lässt sich dies wieder erwecken, um wieder mehr Attraktivität auf Ihren Partner auszustrahlen? Setzen Sie sich dabei aber nicht unter Druck. Fragen Sie vielmehr Ihren Ehepartner danach, was er gerne einmal ausprobieren möchte, also welches seine sexuellen Bedürfnisse sind. Machen Sie sich dabei jedoch stets bewusst: Liebe ist mehr als nur Sex.
  • Kann Liebe ohne Sex tatsächlich funktionieren?
    Das hängt davon ab, ob sich beide Partner damit arrangieren können, ihre Zärtlichkeiten, die jeder Mensch braucht, „nur“ auf platonischem Weg ausüben zu können. Wenn beide mit der Situation glücklich sind und im Laufe der Ehe eine Werteverschiebung von Leidenschaft hin zu einem Miteinander-alt-werden und Füreinander-da-sein stattgefunden hat, dann kann eine Ehe ohne Sex durchaus problemlos funktionieren. Viele sind der Meinung, dass diese Art der Liebe für sie tiefgründiger geworden ist, da sie sich nichts mehr beweisen müssen. Eine Ehe ohne Sex sollte also nicht grundsätzlich verurteilt werden.
  • Welche Ursachen kann es haben, wenn ein Partner keine Lust mehr auf Sexualität hat?
    Die Faktoren können durchaus unterschiedlich sein. Das reicht von seelischen Ursachen wie Unzufriedenheiten, Ängsten, Stress oder psychischen Krankheiten über körperliche Ursachen wie altersbedingte beziehungsweise hormonelle Veränderungen, Krankheiten oder bestimmten Medikamenten bis hin zu sozialen Ursachen. Reden Sie offen und geduldig darüber, um zu verstehen, was genau dahinter steckt. Wo, wenn nicht in der Ehe, ist der richtige Ort dafür?
  • Lässt die Libido im Laufe des Lebens automatisch nach?
    Nicht immer. Das hängt zum gehörigen Maß von der Gesundheit, der hormonellen Veranlagung aber auch vom Alltag der Beteiligten ab. Dabei spielt das Geschlecht nur eine sehr untergeordnete Rolle: Entgegen einem landläufigen Vorteil gibt es ähnlich viele Frauen wie Männer, für die Sexualität auch im Alter eine große Rolle spielt. Vielmehr verändert sich die Sexualität bei vielen eher in puncto Qualität: Fragen nach der seelischen Verbindung zwischen den Ehepartnern spielt eine größere Rolle als die nach der körperlichen Attraktivität.
  • Kann es sein, dass die Leidenschaft wieder zurück kommt?
    Selbstverständlich. Oft schleicht sich nach Jahren in einer Ehe eine gewisse Routine ein, mit der beide Partner sich stillschweigend arrangieren. Hier kann es hilfreich sein, die gegenseitige Neugier aufeinander wieder zu entfachen. Ein gemeinsamer Urlaub oder eine Auszeit kann dafür ein idealer Auslöser sein. Einfach mal raus aus dem Alltag und ohne Ablenkungen nur Zeit für sich und die Partnerschaft haben.
  • Ehe ohne Sex: Ist dann nicht die Gefahr besonders groß, dass der Partner fremd geht?
    Ein klares Jein. Wenn Liebesentzug als Strafe für ein bestimmtes Verhalten oder Druckmittel verwendet wird, um Streit oder Auseinandersetzungen zu gewinnen, dann besteht diese Gefahr durchaus und ist auch nicht gerade klein. Auf diese Art treibt man den Partner geradezu aus dem Haus. Doch wenn die Beziehung immer noch auf gleicher Augenhöhe stattfindet und ein vertrauensvolles Miteinander gewährleistet ist, kann die Ehe ohne Sex mitunter sogar im Einzelfall bereichernd und befreiend sein.

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[Bildnachweis: Von Ruslan Huzau by Shutterstock.com]
18. Oktober 2020 Redaktion Icon Autor: Herbstlust Redaktion

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