Empty-Desk-Syndrom: Wie umgehen mit dem Ruhestand?

Experten sprechen vom Empty-Desk-Syndrom, das besonders hĂ€ufig FĂŒhrungskrĂ€fte, aber auch LeistungstrĂ€ger ereilt, wenn sie in den Ruhestand gehen. „Plötzlich“ Rente – was nun? WĂ€hrend die einen sich auf ein Mehr an Freizeit freuen, befĂŒrchten die anderen einen Bedeutungsverlust. Und das gar nicht zu Unrecht, schließlich bĂŒĂŸen sie Status und Anerkennung ein. Das kann einen auf Dauer in eine tiefe Krise stĂŒrzen. Aber soweit muss es gar nicht kommen: Wir zeigen Ihnen, wie der Übergang in den Ruhestand gelingt und welche Möglichkeiten zur Neupositionierung Sie haben…

Empty-Desk-Syndrom: Wie umgehen mit dem Ruhestand?

Definition: Was ist das Empty-Desk-Syndrom?

Empty-Desk-Syndrom DefinitionBeim Empty-Desk-Syndrom handelt es sich streng genommen um keine Krankheit, auch wenn der Zusatz „Syndrom“ das auf den ersten Blick vielleicht vermuten lĂ€sst.

Vielmehr wird damit ein Zustand beschrieben, der schlimmstenfalls in einer depressiven Erkrankung mĂŒnden kann. Empty-Desk-Syndrom – von Englisch empty desk = leerer Schreibtisch, lĂ€sst sich zu Deutsch etwa mit „Leerer-Schreibtisch-Syndrom“ beziehungsweise „die Angst vor dem leeren Schreibtisch“ ĂŒbersetzen.

Der Begriff wurde analog zum Empty-Nest-Syndrom entwickelt, der ein ganz Ă€hnliches PhĂ€nomen darstellt, von dem hĂ€ufig Frauen betroffen sind: In der Lebensmitte verlassen die Kinder das Haus, die bisherige Hauptaufgabe (bei konventionellen Familienmodellen) bricht damit weg, oft breitet sich ein GefĂŒhl der inneren Leere aus.

Und hier liegt die Parallele zum Empty-Desk-Syndrom: Strukturierte bisher die Arbeit den Tagesablauf, bestimmten womöglich verantwortungsvolle TÀtigkeiten das SelbstverstÀndnis, entfÀllt dies alles nun.

Die Kehrseite des Ruhestands

GĂ€ngige Sicht der Dinge ist, dass ein leerer Schreibtisch Grund zur Freude ist, denn es heißt, dass alle Aufgaben erledigt wurden. Jetzt ist endlich Zeit zum Durchatmen, endlich kann man sich den Hobbys und solchen Dingen widmen, die auf die lange Bank geschoben wurden.

UnglĂŒcklicherweise gelingt der Übergang vom Arbeitsleben in den Ruhestand nicht immer so reibungslos. Gerade fĂŒr FĂŒhrungskrĂ€fte hat der Job einen hohen Stellenwert, denn er nimmt einen Großteil der Zeit ein. Kein 9-to-5-Job, sondern mehr Lebensaufgabe. Und klar, mit 65 oder 67 Jahren ist das Leben noch lange nicht zu Ende.

Ausgelöst wird das Empty-Desk-Syndrom eben genau durch diese UmstÀnde:

  • Der Job strukturierte den Tag, plötzlich gibt es zu viel Zeit.
  • Dem Job galt das Hauptinteresse des NeuruhestĂ€ndlers.
  • Außerhalb des Jobs existieren kaum soziale Kontakte.
  • Der Job definiert Selbstbild und gesellschaftlichen Status.

Zumal dem einen oder anderen Topmanager verschiedene Vorteile und Annehmlichkeiten des Berufslebens in Fleisch und Blut ĂŒbergegangen sind, die ebenfalls ersatzlos wegfallen: Etwa der Firmenwagen, Mitgliedschaft in exklusiven Zirkeln, der Vielflieger-Status oder das Hotel-Bonus-Programm, die allesamt an die Position gekoppelt waren.

All das fĂŒhrt zum Erleben dieser GefĂŒhle:

  • Meine Kompetenzen sind nicht mehr gefragt.
  • Ich trage keine Verantwortung mehr.
  • Ich bin fĂŒr nichts mehr zustĂ€ndig.
  • Ich habe nichts zu tun.
  • Ich bin nichts wert.

Mit anderen Worten: Das Empty-Desk-Syndrom steht fĂŒr das Empfinden völliger Bedeutungs-, Sinn- und Nutzlosigkeit. Von heute auf morgen aufs Abstellgleis geschoben, man gehört zum alten Eisen, wird ausgemustert.

Folgen des Empty-Desk-Syndroms

Keine angenehmen GefĂŒhle, zumal die oftmals nicht kompensiert werden können, weil eben Hobbys nicht gepflegt wurden, alte Kontakte eingerostet sind. Dazu kommt, dass so mancher Topmanager sich genau diese Empfindungen nicht eingestehen will.

Folgen wie…

  • Langeweile
  • Selbstzweifel
  • Depressionen
  • ZukunftsĂ€ngste

sind typisch fĂŒr das Empty-Desk-Syndrom. Und nicht selten geht der Neurentner erst einmal der eigenen Familie gehörig auf den Keks. Was sich ĂŒber Jahrzehnte so schön eingespielt hatte, nĂ€mlich die Zuweisung eines klaren Kompetenzbereiches, wird nun auf den Kopf gestellt.

HĂ€ufig hat bei klassischen Familienmodellen die Frau die Hauptsorge fĂŒr den familiĂ€ren und hĂ€uslichen Bereich ĂŒbernommen, wĂ€hrend der Mann in seiner Rolle als ErnĂ€hrer weder fĂŒr Haushalt, noch fĂŒr die Erziehungsarbeit wirklich Zeit hatte. Plötzlich hat er Zeit und mischt sich in Dinge, die ihn zuvor maximal am Rande interessiert haben.

Heißt: On top kann das Empty-Desk-Syndrom auch noch eine Ehekrise heraufbeschwören, da sich nun auch zuhause alles wieder neu einspielen muss.

Wirtschaftliche Aspekte des Empty-Desk-Syndroms

Als sei das nicht alles bereits schlimm genug, ist es nicht so, dass das Empty-Desk-Syndrom nur die scheidende FĂŒhrungskraft selbst betrĂ€fe. Im Gegenteil: Oft ist es so, dass weder der RuhestĂ€ndler noch das Unternehmen sich auf die Zeit nach der ErwerbstĂ€tigkeit vorbereitet haben.

Mit anderen Worten: Das Empty-Desk-Syndrom ist wörtlich zu nehmen, der Schreibtisch des ehemaligen Mitarbeiters ist tatsĂ€chlich verwaist. PlĂ€ne oder Ideen, wie die Stelle nach Ausscheiden des Mitarbeiters zu besetzen ist, existieren schlichtweg nicht. Arbeitgeber und Arbeitnehmer leiden gleichermaßen am Empty-Desk-Syndrom.

Was bei einigen Unternehmen Teil der Firmenpolitik ist, um Personalkosten einzusparen, rĂ€cht sich meistens. Die Jobbörse Indeed hat dazu vor einigen Jahren eine Studie durchgefĂŒhrt, deren Zahlen schier zu dramatisch sind, um sie zu ignorieren: Demnach gehen der amerikanischen Wirtschaft durch die ungeregelte Nachfolge jĂ€hrlich nahezu 160 Milliarden Dollar verloren.

Der Studie zufolge scheint vielen Entscheidern der Blick fĂŒrs große Ganze zu fehlen: Gesehen werden nur die unmittelbar eingesparten Kosten. Auf lĂ€ngere Sicht betrachtet fehlen Unternehmen durch ausscheidende Mitarbeiter natĂŒrlich wichtiges Wissen und Kompetenzen.

Damit können nicht nur etliche AuftrĂ€ge erst gar nicht angenommen und Kunden nicht bedient werden – oft muss teures Expertenwissen extern dazugekauft werden. Die vermeintlichen Einsparungen mutieren zum Nullsummenspiel beziehungsweise verkehren sich sogar ins Negative.

Tipps: Das können Sie gegen das Empty-Desk-Syndrom tun

Die gute Nachricht: Das Empty-Desk-Syndrom ist kein gottgegebenes Schicksal, Sie haben die Möglichkeit, an vielen Stellschrauben zu drehen. Die wichtigste Voraussetzung dafĂŒr ist, dass Sie Ihren Ruhestand planen. Wer bis zum letzten Arbeitstag wartet, wird in der Tat am darauffolgenden Tag „eiskalt“ erwischt.

Was dann folgt, hat einige Ähnlichkeiten mit anderen berufsbedingten PhĂ€nomenen wie Burnout und Leisure Sickness: Über einen langen Zeitraum (in diesem Fall: Jahre beziehungsweise Jahrzehnte!) haben Sie nur auf ein Ziel hingearbeitet und plötzlich ist es erreicht – dann in eine Krise zu geraten, weil ĂŒberhaupt nicht an das Danach gedacht wurde ist völlig normal.

Genau das können Sie aber durch gute Vorbereitung abfedern. Dazu bedarf es der Selbstkenntnis und Selbstreflexion. Was liegt Ihnen besonders, was ist Ihnen wichtig? Die Antworten darauf versuchen Sie vom Beruflichen ins Private zu ĂŒbertragen:

  • Sie hatten eine FĂŒhrungsposition

    Eine leitende Funktion können Sie beispielsweise in Vereinen, Stiftungen und Organisationen ĂŒbernehmen.

  • Sie verfĂŒgen ĂŒber große Expertise

    Die ungenutzt zu lassen, wÀre wirklich eine Schande. Statt NachwuchskrÀfte im Unternehmen einzuarbeiten, könnten Sie ebenso gut bei der Industrie- und Handelskammer oder anderen BildungstrÀgern als Dozent tÀtig werden.

  • Sie vermissen eine sinnvolle Aufgabe

    Eine Reihe von gemeinnĂŒtzigen Organisationen freut sich immer wieder ĂŒber ehrenamtliche Mitglieder, die sich fĂŒr die Sache einbringen.

  • Sie haben wenig soziale Kontakte

    Bricht das Kollegium weg, fehlen soziale Kontakte. Wer sich zuvor fast ausschließlich in die Arbeit gestĂŒrzt hat, mangelt es zudem hĂ€ufig an Soft Skills im Umgang mit anderen. Die gilt es aufzubauen beziehungsweise zu aktiveren, beispielsweise durch Nachbarschaftshilfe, Sportgruppen oder Vereine.

  • Sie vermissen die Arbeit

    Wer wirklich fĂŒr die Inhalte seiner Arbeit lebt, den werden die obigen Punkte nur bedingt ĂŒberzeugen. MĂŒssen sie aber auch nicht. Was spricht dagegen, weiterzuarbeiten?

Um letztgenannten Punkt aufzugreifen: Bis 70 arbeiten ist lÀngst keine Seltenheit mehr oder Ausnahme gar: Etwa 300.000 Arbeitnehmer in sozialversicherungspflichtigen Jobs sind 65 Jahre oder Àlter. Dazu gesellen sich eine weitere Million Senioren, die in Minijobs arbeiten.

Wie Sie diese Weiterarbeit gestalten, hĂ€ngt von Ihnen und Ihrem Arbeitgeber ab. Sie könnten beispielsweise anbieten, als Berater weiter fĂŒr das Unternehmen tĂ€tig zu werden. Davon profitieren alle Beteiligten: Sie gehen einer sinnvollen TĂ€tigkeit nach und halten Kontakt, Ihr Arbeitgeber kann jederzeit auf Ihr Expertenwissen zurĂŒckgreifen. In diesem Rahmen bestĂŒnde die Möglichkeit, den eigenen Nachfolger oder BerufsanfĂ€nger einzuarbeiten.

BeschĂ€ftigen Sie sich vorab mit Ihren Möglichkeiten und Alternativen. Dazu zĂ€hlt auch der Blick in den eigenen Arbeits- beziehungsweise Tarifvertrag. Zwar darf Ihnen niemand aufgrund Ihres Alters kĂŒndigen. Oftmals gibt es allerdings eine Befristung, die an den Renteneintritt gekoppelt ist – und die ist wiederum erlaubt. Wer weiß, was auf ihn zukommt, kann daher das Empty-Desk-Syndrom mĂŒhelos vermeiden.

[Bildnachweis: Ruslan Huzau by Shutterstock.com]
13. Februar 2020 Redaktion Icon Autor: Herbstlust Redaktion

Die Herbstlust-Redaktion besteht aus erfahrenen Autoren mit langjÀhriger Berufserfahrung. Trotz sorgfÀltiger Recherche erheben die Artikel keinen Anspruch auf VollstÀndigkeit und informieren lediglich allgemein. Der vorliegende Artikel kann eine fachliche oder Àrztliche Beratung nicht ersetzen.

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