Frugalismus: So funktioniert die Rente mit 40

Das Renteneintrittsalter wird immer weiter angehoben – auch aufgrund der Tatsache, dass die Menschen im Durchschnitt immer älter werden. In diesem Zusammenhang wirkt es wie aus der Zeit gefallen, wenn sich manche im Alter von 40 Jahren bereits zur Ruhe setzen wollen. Für diesen, noch weitgehend unbekannten Trend, gibt es einen Namen: Frugalismus. Wie das funktionieren soll, welche Lebenseinstellung sich genau dahinter verbirgt und Tipps, wie Frugalismus umsetzbar ist, zeigen wir Ihnen hier.

Frugalismus: So funktioniert die Rente mit 40

Definition: Was ist Frugalismus?

Der Begriff „Frugalismus“ hat seinen Ursprung im Lateinischen: Das Wort frugalis hat dabei zwei entgegengesetzte Bedeutungen. Zum einen kann man es mit fruchtig übersetzen, zum anderen bedeutet es aber auch ordentlich, rechtschaffen, brav, wirtschaftlich oder sparsam.

Frugalismus leitet sich von der zweiten Wortbedeutung ab und meint eine Form der Bescheidenheit im Lebensstil, in dem die Ausgaben auf das Allernotwendigste beschränkt werden. Das bedeutet, dass sich überzeugte Frugalisten keine schicke, teure Wohnung, kein Auto, keine Restaurantbesuche oder Urlaube gönnen – Dinge, die in der Sichtweise vieler anderer Menschen das Leben erst richtig lebenswert machen.

Stattdessen legen sie jeden einsparbaren Euro auf die hohe Kante beziehungsweise investieren diesen gewinnbringend, mit dem Ziel, möglichst schnell finanziell unabhängig zu werden und nicht mehr aktiv arbeiten zu müssen – am besten schon mit 40.

Im Zuge der Finanzkrise nimmt laut Wikipedia die Anhängerschaft des Frugalismus in den letzten Jahren stark zu – viele von ihnen teilen ihre Erfahrungen per Blog, Forum, Youtube-Video mit der Welt oder schreiben ein Buch.

Frugalismus gewinnt an Bedeutung

Krisen wie die Anschläge des 11. September 2001, die Finanz- und Bankenkrise oder die Corona-Krise verstärken in vielen Menschen das Gefühl, dass nichts auf der Welt wirklich sicher und von Dauer ist.

Insbesondere Geld oder Konsummöglichkeiten können innerhalb von kürzester Zeit weg sein. Eine Gesellschaft, die nur auf diesen Werten aufgebaut sei und ausschließlich den Gott Mammon anbeten würde, müsse zwangsläufig sehr fragil sein, so argumentieren die Frugalisten. Vielmehr mache Geld allein nicht glücklich, sondern die persönliche Freiheit.

Frugalismus strebt nach genau dieser: Einer Unabhängigkeit von Geld und Erwerbsarbeit. Wohl gemerkt: es geht um die Arbeit, die man notgedrungen ausüben muss, um seinen Lebensstandard zu halten, nicht um eine Tätigkeit als solche. Viele Frugalisten können sich auch vorstellen, weiterhin zu arbeiten, auch wenn sie ihre Unabhängigkeit erreicht haben.

Jedoch zum Zweck des Geldverdienens, sondern um eine Erfüllung im Leben zu haben und etwas zu tun, das sie glücklich macht. Das können auch Hobbys, Kindererziehung oder Hilfsangebote für Freunde sein.

Der Grundgedanke hinter Frugalismus ist dabei relativ einleuchtend: Sparsam beziehungsweise sogar minimalistisch leben, solange man sich noch nicht an einen gewissen luxuriösen Lebensstandard gewöhnt hat. Dies geht erfahrungsgemäß besser in jungen Jahren.

Und auch die kritische Haltung gegenüber Konsum, Kapitalismus und Gesellschaftsordnung sowie die Bereitschaft zu einem alternativen Lebensstil sind bei jüngeren Menschen deutlich ausgeprägter, als bei denen, die bereits jahrelang Teil des Systems sind, sich mit diesem arrangiert haben und auch Vorteile aus diesem ziehen.

Aufgrund dieser Haltung liegt für die Frugalisten mit Anfang oder Mitte 40 die Grenze für die eigene finanzielle Unabhängigkeit ebenfalls niedriger, da sie keinen aufwändigen Lebensstil gewohnt sind und so auch weniger zum Leben brauchen.

Zwar gibt es Frugalisten, die sich dann durchaus Reisen und ein schönes Leben gönnen, das Hauptziel ist jedoch die persönliche Freiheit und den Vorzug das tun zu können, was man möchte, ohne sich in einem Hamsterrad zu befinden, dem man vermeintlich nicht entfliehen kann.

Daher leben viele Frugalisten auch mit 40 ihren bereits gewohnten Lebensstil weiter und legen ihren Fokus darauf, viel Zeit für sich und ihre Gedanken zu haben, anstatt von einem Flughafenterminal zum anderen zu hetzen. Weniger ist mehr: Das gilt im Frugalismus auch häufig im Alter – und zwar aus Überzeugung, nicht der Not gehorchend.

Wie kann Frugalismus konkret funktionieren?

Das oberste Credo im Frugalismus lautet: „Überlege, was du wirklich zum Leben benötigst“. Viele Dinge, die den meisten von uns an Herz gewachsen sind, stellen nach Ansicht der Frugalisten genau genommen keinen Mehrwert fürs eigene Überleben dar.

Sie achten daher darauf, weniger Geld auszugeben, als sie zur Verfügung haben, sind also kluge und gute Rechner. Einige Beispiele und Spartipps, wie Frugalismus umgesetzt werden kann:

  • Benutzung von Fahrrad statt Auto
  • Einkauf von Second-Hand-Kleidung und Gegenständen auf dem Flohmarkt
  • Reparieren von Produkten statt Neukauf
  • Mitgliedschaft in Tauschringen / -börsen
  • Containern statt Kauf von Lebensmitteln
  • Gegenseitige Hilfen und Unterstützung anstatt ego-fokussierte Problemlösungen

Neben dem Effekt für das eigene Leben führt Frugalismus also auch zu mehr Nachhaltigkeit. Der CO2-Austoß und die Müllproduktion ist bei Frugalisten erheblich niedriger als im Bevölkerungsdurchschnitt.

Das ersparte Geld legen Frugalisten meist in Aktien an, die eine hohe Rendite versprechen. Häufig in Unternehmen, die nachhaltig wirtschaften und in der sogenannten green economy beheimatet sind. Dadurch bauen sie sich ein Polster auf, von dem sie ab Anfang / Mitte 40 leben können.

Grenzen des Frugalismus

Frugalismus ist also eine Lebenseinstellung, die sowohl auf Konsumkritik als auch auf Genügsamkeit aufgebaut ist. Viele Menschen kaufen und konsumieren zweifelsfrei deutlich mehr, als sie müssten.

Insbesondere Kleidung, Möbel und technische Geräte sind inzwischen nicht mehr darauf ausgelegt, lange zu halten, sondern werden schnell, billig und unter fragwürdigen Umständen produziert. Nach kurzer Zeit landen sie im Müll und werden durch neue Anschaffungen ersetzt. Zudem sind Ersatzteile wie Akkus, Druckerpatronen oder ähnliches im Verhältnis zu einem kompletten Neuprodukt so teuer, dass für viele Kunden der Neukauf attraktiver ist als die Reparatur.

Daher trifft Frugalismus einen Nerv der Zeit und ist mit seiner Kritik an unserem Lebensstil sicher nicht wegzudiskutieren. Allerdings muss auch beachtet werden, dass Frugalismus nur unter bestimmten Umständen funktionieren kann und auch schnell an seine Grenzen stößt. Einige Beispiele:

  • Wer kurze Wege zur Arbeit haben will um auf ein Auto verzichten zu können, muss häufig städtisch und zentral wohnen – die Mieten sind dort besonders teuer. Um das individuelle Sparziel zu erreichen, kommt dann meist nur eine kleine Wohnung infrage.
  • Viele Einschränkungen, wie zum Beispiel der Verzicht aufs Reisen, bedeuten auch den Verzicht auf persönliche Lernerfahrungen und Begegnungen, die einen in der eigenen Entwicklung weiter bringen.
  • Eine kleine Wohnung kann gerade für Familien eine Herausforderung an die Konfliktfähigkeit darstellen.
  • Frugalismus ist nicht als Massentrend geeignet – irgendwer muss konsumieren, damit Aktienfonds entsprechende Gewinne abwerfen, Restaurants und Hotels sowie weite Teile des Dienstleistungssektors existieren können.
  • Bei eigener Berufsunfähigkeit oder Kündigung durch den Arbeitgeber fehlen Rücklagen. Allein von ALG II lässt sich keine finanzielle Unabhängigkeit aufbauen.

Tipps, um Frugalismus umzusetzen

Wer trotz der Einschränkungen Gefallen an der Idee des Frugalismus entdeckt hat und sich nun fragt, wie man diesen in der Praxis umsetzen kann, für den haben wir einige Tipps, wie es mit der Rente mit 40 klappen kann:

  • Prioritätensetzung

    Hinterfragen Sie Ihr komplettes Leben: Was ist Ihnen wichtig? Auf was können Sie verzichten ohne wirklich unglücklich zu sein. Dabei kann die berühmte Frage helfen: Welche drei Dinge würden Sie auf eine einsame Inseln mitnehmen beziehungsweise aus einem brennenden Haus retten?

  • Reflexion

    Das eigene Verhalten zu reflektieren und sich klar zu machen, wo man lediglich impulsgesteuert konsumiert ohne einen echten Nutzen davon zu haben, ist ein zentraler Bestandteil des Frugalismus. Machen Sie sich stattdessen Ihre wahren Bedürfnisse bewusst.

  • Lernen

    Um den Lebensstil umzustellen und Dinge reparieren anstatt neu kaufen zu müssen, ist es wichtig, stets als Neugieriger und Lernender durch die Welt zu gehen. Dazu gehört auch das eigenständige Kochen. All dies ist umso leichter, je mehr Sie im sozialen Miteinander und Austausch mit anderen Frugalisten sind.

  • Geldanlage

    Um mit Frugalismus erfolgreich mit 40 in den Ruhestand gehen zu können, sind genau Kenntnisse der Aktienmärkte unabdingbar. Daher ist Frugalismus mitnichten eine Verweigerung, sich dem Wirtschaftssystem des Kapitalismus komplett zu entziehen, denn Sie müssen genau wissen, welche Unternehmen zukunftsfähig und welche Branchen zukunftsträchtig sind. Das Erkennen dieser Potenziale erfordert viel Erfahrung und Zeit.

[Bildnachweis: peampath2812 by Shutterstock.com]
5. Mai 2020 Redaktion Icon Autor: Herbstlust Redaktion

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