Geschwisterliebe: Tipps für weniger Streit bei Kindern

Geschwisterliebe ist keine Selbstverständlichkeit: Bekommt das Erstgeborene ein Geschwisterchen, herrscht häufig erst einmal Eifersucht. Scheinbare Bevorzugung, auch Streit darüber, wer was zuerst hatte gehören dann in vielen Haushalten zum Dauerbrenner. Das kann dann schnell an den Nerven von Oma und Opa zerren, auch wenn diese sich eigentlich auf den Besuch der Enkel gefreut hatten. Welche Themen häufig Streit auslösen und was Eltern und Großeltern dagegen tun können…

Geschwisterliebe: Tipps für weniger Streit bei Kindern

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Definition: Was versteht man unter Geschwisterliebe?

Üblicherweise ist mit Geschwisterliebe eine gesunde und (weitestgehend) harmonische Beziehung zwischen Geschwistern gemeint. Zu unseren Geschwistern haben wir meist die längste Beziehung unseres Lebens. Durch die gemeinsamen Erinnerungen entsteht ein Band, das Einzelkinder nie haben werden. Die Beziehung entsteht häufig noch vor Freundschaften mit anderen und geht über den Tod der Großeltern und Eltern hinaus. Diese besondere Bindung bleibt ein Leben lang bestehen. Und das kommt nicht von ungefähr: Schließlich teilen wir zu 50 Prozent unsere Gene mit unseren Geschwistern.

Gleichzeitig ist die Geschwisterbeziehung oft von Rivalität und Hassliebe geprägt: War ein Kind lange Einzelkind, fällt es schwer, nun die Aufmerksamkeit mit einem Geschwisterkind zu teilen. Erst recht, wenn das Neugeborene besonders viel Zuwendung benötigt oder das jüngere Geschwisterkind häufig krank ist. Oma und Opa kommt dann oft eine wichtige Rolle zu, sie können die fehlende Zuwendung etwas ausgleichen.

Die Ärzte: Geschwisterliebe erlaubt?

Das gleichnamige Lied der Berliner Punkband Die Ärzte, „Geschwisterliebe“, beschreibt eine sexuelle Beziehung zwischen einem Bruder und seiner Schwester. Diesen Inhalt stufte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften 1987 als jugendgefährdend ein, weil ein inzestuöse Verhältnis „verherrlicht und propagiert“ werde.

Seitdem ist es weder den Musikern erlaubt, das Lied auf Konzerten zu spielen, noch dürfen Radiostationen es senden. Auch einvernehmlicher Sex zwischen Geschwistern zählt als Inzest. Und der ist in Deutschland gemäß Paragraf 173 des Strafgesetzbuchs eine Straftat.


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Psychologie: Geschwisterliebe und Streit kein Widerspruch

Während die Kinder größer werden, kommt es immer wieder zu Streit. Dann können schon mal die Fetzen fliegen und Tränen fließen. Was auf der einen Seite wie ein Zeichen mangelnder Geschwisterliebe aussieht, hat positive Effekte:

  • Durchsetzungsfähigkeit
    Streit entsteht durch unterschiedliche Ansichten, indem jeder für sich eintritt. Kinder lernen so, sich durchzusetzen und sich abzugrenzen.
  • Kompromissfähigkeit
    Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen. Er braucht andere Menschen um sich herum. Geschwister sind die erste soziale Gruppe. In Auseinandersetzungen mit dem Geschwisterkind lernen sie, Kompromisse zu schließen.
  • Frustrationstoleranz
    Nicht immer zu bekommen, was man will und mit Niederlagen umgehen zu lernen stärkt gleichzeitig die Frustrationstoleranz von Kindern.

Neben weiteren Sozialkompetenzen wie Empathie und Resilienz unterstützt das Aufwachsen mit Geschwistern die Sprachentwicklung. Aus der Psychologie ist bekannt, dass es im Laufe der Jahre einerseits erst zur Abnabelung, später wieder zur Annäherung von Geschwistern kommt.

Und bei aller Konkurrenz um Aufmerksamkeit: Spätestens beim nächsten Geschwisterkind finden beide sich im selben Boot wieder. Überhaupt verbünden sie sich im Alltag gerne mal gegen „die Großen“: Das können je nachdem bei jüngeren Kindern nervige ältere Geschwister oder aber die Eltern sein.

Typische Streitthemen unter Geschwistern

Sind die Enkel zum Übernachten bei den Großeltern, müssen die sich darauf einstellen, dass es nicht nur harmonisch zugeht. Denn natürlich konkurrieren die Kleinen auch um die Gunst von Opa und Oma. Einige typische Streitthemen tauchen in nahezu jeder Familie auf:

  • „Ich hatte das zuerst!“
    Gerade noch einträchtig am Spielen, plötzlich großes Drama: Ein Kind hat dem anderen etwas weggenommen. Das passiert nahezu täglich. Die Kleinen machen da übrigens keine Ausnahme: Unbewusst wähnen sie sich im Vorteil, weil die Eltern ihnen oft unbeabsichtigt großzügiger begegnen. Das älteste Kind muss immer erst verschiedene Dinge „erkämpfen“, den Kleinen gewähren die Eltern sie dann von Anfang an.
  • „Aber er/ sie hat mehr als ich!“
    Besonders bei Süßigkeiten und Geschenken achten Geschwisterkinder mit Argusaugen darüber, wem was zugeteilt wird. Ihr (natürlich unvoreingenommenes) Fazit lautet dabei fast immer: Sie/er bekommt mehr als ich! Die Angst benachteiligt zu werden ist meist größer als die reale Benachteiligung. Eltern sollten trotzdem dafür sorgen, dass sie allen Kindern das Gleiche gewähren – natürlich altersangemessen.
  • „Ich wollte genau das!“
    Beim Essen heißt es „Futterneid“, aber das Phänomen lässt sich auf alles übertragen: Geschwisterkinder wollen immer genau das, was ihr Bruder oder ihre Schwester gerade hat: Sei es das letzte Stück Schokolade oder exakt das Spielzeug, dass der oder die andere zu Weihnachten bekommen hat. Diesen Ärger können Sie vermeiden, indem Sie beiden Kindern das Gleiche schenken. Zur besseren Unterscheidung sollten Sie dann allerdings das Spielzeug namentlich kennzeichnen.
  • „Ich will auf den Schoß!“
    Ein ganz ähnliches Thema, nur dieses Mal geht es um den Kampf um Zuneigung: Ein Enkel sitzt bereits auf dem Schoß, nun keimt Neid im anderen auf. Leben Oma und Opa, kann jeder einen Enkel auf den Schoß nehmen und sich nach einer Zeit abwechseln. Anderenfalls ist auch hier Geduld gefragt: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.
  • „Nein, das geht anders!“
    Kinder erfinden ihre eigenen Regeln voller Fantasie, die in ihrem Kopf Sinn ergeben. Dummerweise kann der Bruder oder die Schwester das ganz anders sehen. Oder sie haben zuvor gar nicht darüber gesprochen – zack – gibt es Streit.
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Tipps für harmonische Geschwisterliebe

Schaut man ins Internet, sieht man überall lächelnde Kindergesichter und fröhliche Familienfotos. Das ist aber eben nur ein Ausschnitt aus der Realität. Und oft genug ein gestellter. Streit unter Geschwistern ist vor allem in jüngeren Jahren keine Seltenheit. Aber es gibt einige Tipps, wie Sie die Geschwisterliebe stärken können:

  • Gehen Sie als gutes Beispiel voran

    Klar ist: Erwachsene haben natürlich andere Rechte als Kinder. Das gilt vor allem im Hinblick auf die Schlafenszeit. Dennoch sollten Sie dafür sorgen, dass es nicht zu augenfälligen Widersprüchen kommt. Wer beispielsweise selbst nicht aufräumt, darf sich nicht wundern, wenn die Enkel sich weigern.

  • Etablieren Sie eine gesunde Streitkultur

    Bei Streitigkeiten zwischen den Kindern ist es sinnvoll, eine neutrale Position einzunehmen. Sie werden nie wissen, wer angefangen hat. Wichtiger ist daher die Versöhnung. Stellen Sie Regeln auf, wie Sie miteinander umgehen. Verdeutlichen Sie dabei, dass Gewalt keine Lösung ist. Für Hauen, Schubsen oder an den Haaren ziehen ist dabei ebenso wenig Platz wie für Schimpfwörter und Beleidigungen.

  • Verbringen Sie Zeit allein mit jedem Kind

    Solange ein Säugling noch viel Aufmerksamkeit erfordert, ist es älteren Geschwisterkindern gegenüber schwierig. Dennoch sollten Eltern Exklusivzeit mit ihrem Kind verbringen. An dieser Stelle können Großeltern kompensieren, indem sie mehr Zeit mit dem älteren Enkel verbringen.

  • Sprechen Sie über das Teilen

    Erklären Sie Ihrem Enkel, dass Teilen wichtig ist. Dass beispielsweise das Schwesterchen, das gerade Zähne putzt, am nächsten Tag auch noch ein Stück vom Kuchen haben möchte. Gleichzeitig sollten klare Besitzverhältnisse herrschen: Neben Gemeinschaftsspielen sollte jedes Kind eben auch eigenes Spielzeug besitzen.

  • Vermeiden Sie Vergleiche

    Jedes Kind ist ein Individuum. Psychologen warnen davor, Vergleiche zwischen den Geschwisterkindern zu ziehen. Das steigert nur das Konkurrenzdenken untereinander und führt zu neuen Streitigkeiten. Wenn Sie Unterschiede hervorheben wollen, dann auf neutrale Art und Weise, beispielsweise: „Du kannst sehr gut Schnürsenkel zubinden, dein Bruder kann toll auf einem Bein hüpfen.“

  • Bleiben Sie fair

    Kinder haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn: „Warum darf er/sie das, aber ich nicht?“ In so einem Fall müssen plausible Argumente her. Wer ein Geschwisterkind klar bevorzugt, provoziert Auseinandersetzungen, auch untereinander. Denn das benachteiligte Kind projiziert dann seinen Frust auf das Geschwisterkind.

  • Stärken Sie das Zusammengehörigkeitsgefühl

    Verbringen Sie Zeit miteinander. Dazu gehören gemeinsame Rituale, beispielsweise gemeinsam die Mahlzeiten einzunehmen und sich „Guten Appetit“ zu wünschen. Auch das Vorlesen von Gute-Nacht-Geschichten und gemeinsames Kuscheln vor dem Schlafen zählt dazu.

  • Schaffen Sie Erfolgserlebnisse

    Zum Beispiel indem jedes Kind mal bestimmen darf, was gemacht wird: Geben Sie eine Auswahl an Freizeitmöglichkeiten, etwa Spazieren oder ein Lieblingsspiel. Oder zur Abwechslung darf sich das eine Enkelkind sein Lieblingsessen als Mittagessen wünschen, das andere bestimmt den Nachtisch.

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Geschwisterliebe durchläuft verschiedene Phasen

In der Regel wachsen Geschwister im gleichen sozialen und familiären Umfeld auf. Und dennoch entwickeln sich über die Jahre völlig eigenständige Persönlichkeiten mit unterschiedlichem Charakter. Sie schlagen bisweilen völlig andere Lebenswege ein und pflegen einen anderen Lebensstil. Sind die ersten Jahre noch vom Konkurrenzkampf und Eifersucht geprägt, folgt dann die Abnabelung. Eigene Freunde und unterschiedliche Hobbys, Auszug von zuhause und Berufstätigkeit.

Aber durch die gemeinsamen Eltern und Großeltern bleibt die innere Verbindung immer bestehen. Deutlich stärker wird es wieder mit zunehmenden Alter, wenn sie eigene Familien gründen. Die Geschwisterliebe bekommt neuen Aufwind, wenn beispielsweise die Pflege der eigenen Eltern in den Fokus rückt. Die Herausforderung gemeinsam zu bewältigen, schafft neue Verbundenheit.

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[Bildnachweis: Herbstlust.de]

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