Hilfe annehmen: So schwer und doch so leicht

Wer jung ist, denkt oft, dass er unverwundbar ist und Bäume ausreisen kann – das Recht der Jugend. Doch je älter wir werden, umso mehr merken wir, dass wir auch Hilfe annehmen müssen.

Gerade wenn die Gesundheit nicht mehr so mitspielt wie sie sollte, fühlen wir uns oftmals schwach und verletzlich. Und oft fällt es uns dann schwer, zuzugeben, dass wir auf Hilfe angewiesen sind. Wir empfinden das womöglich als Zeichen der Schwäche – unser Stolz ist gekränkt.

Doch Hilfe annehmen zu können, bedeutet keine Schwäche. Es bedeutet, zu akzeptieren, dass wir Menschen soziale Wesen sind, die sich gegenseitig unterstützen dürfen. Was dies genau für uns bedeutet, lesen Sie hier…

Hilfe annehmen: So schwer und doch so leicht

Hilfe annehmen ist keine Schwäche

Viele Menschen haben kein Problem damit, ihren Liebsten oder sogar völlig Fremden zu helfen. Ganz im Gegenteil: Hilfe zu leisten gilt als erste Menschenpflicht und die unterlassene Hilfeleistung stellt sogar eine gesetzliche Straftat dar.

Doch wenn es darum geht, selbst Hilfe anzunehmen oder gar um sie zu bitten, tun sich viele schwer. Zu sehr sind wir in den Glaubenssätzen gefangen, dass dies als Zeichen von Schwäche gilt. Nur wer alles aus eigener Kraft schafft, scheint in unserer Gesellschaft respektiert zu sein. Die mediale Berichterstattung über erfolgreiche Self-Made-Men oder Self-Made-Women leistet ihr übriges dazu, um dieses Bild zu bestärken. Für hilfesuchende Menschen scheint hier kein Platz zu sein. Wir assoziieren Hilfe annehmen automatisch mit völliger Hilflosigkeit und damit Unselbstständigkeit und Kontrollverlust über unser Leben.



Sprüche und Zitate

Mancher ertrinkt lieber, als dass er um Hilfe ruft.

(Wilhelm Busch)

Dabei gibt es kaum einen Menschen, der nicht einmal auf Hilfe angewiesen ist. Sich selbst dies einzugestehen und in gewissen Situationen die eigene Ohnmacht zulassen zu können, ist dabei kein Zeichen von Schwäche, sondern von Selbstreflexion und somit von Stärke. Es ist wichtig, nicht zu verleugnen, dass Sie nicht (mehr) alles können. Dies ist nichts anderes als ein Anerkennen der Realität. Alles andere wäre hingegen Selbstbetrug.

Was macht es so schwer, Hilfe anzunehmen?

Es gibt viele Gründe, die uns das Hilfe annehmen erschweren können. Doch wir müssen uns bewusst machen, dass diese in erster Linie in uns selbst begründet liegen und nicht im Gegenüber. Hilfe annehmen bedeutet, sich diese Hürden, die wir uns aufgebaut haben, zunächst bewusst zu machen:

  • Wir denken, dass wir anderen auf den Geist gehen könnten, wenn wir um Hilfe bitten.
    Gerade unsere Liebsten möchten wir nicht belasten. Wir wissen, dass unser Partner, unsere Freunde oder unsere Kinder schon genügend Probleme haben – müssen wir sie also wirklich noch mit unseren belasten? Nun, das müssen nicht. Aber wir dürfen. Wer uns liebt, wird auch für gerne für uns da sein. Oder uns deutlich mitteilen, dass seine Grenzen erreicht sind. Dies sollten wir diese Person aber selbst entscheiden lassen und nicht in einem Akt vorauseilenden Gehorsams bevormundend vorweg nehmen.
  • Wir denken, dass wir vor anderen Menschen als Verlierer und Schwächling dastehen, wenn wir um Hilfe bitten.
    Gerade bei unseren Kindern fällt es uns schwer, Hilfe annehmen zu können. Waren wir doch im Leben immer die starke Person, die alles im Griff hatte und für jegliches Problem eine Lösung hatte. Eine Umkehr dieser eingefahrenen Rollen ist oft nicht so leicht. Doch diese ist nichts anderes als der Lauf des Lebens: Die Kinder sind nun erwachsen, wir selbst bauen spätestens seit Mitte 30 körperlich ab – zunächst unmerklich, dennoch sukzessive. Wir sind also kein Schwächling, dass wir Hilfe annehmen müssen, sondern eine starke Persönlichkeit, die es überhaupt erst in dieses höhere Alter geschafft hat.
  • Wir denken, dass es zu umständlich ist, anderen zu erklären, was wir genau an Hilfe benötigen.
    „Mein Gott, bis ich erst genau erklärt habe, was zu tun ist, habe ich es auch gleich selbst gemacht.“ So denken wir meist. Und dies mag kurzfristig vielleicht auch gar nicht so falsch sein. Doch auf lange Sicht macht dieses Denken wenig Sinn. Viele Hilfeleistungen benötigen wir nicht einmalig, sondern öfters. Insofern ist es auf kurz oder lang unausweichlich, dass wir uns diesbezüglich öffnen und klar machen, was wir möchten und brauchen. Warum dann nicht gleich?
  • Wir denken, dass wir geliebte Menschen zu sehr belasten oder gar moralisch unter Druck setzen, wenn wir um Hilfe bitten.
    Wer uns liebt, wird es kaum ablehnen, uns zu helfen – auch wenn es diese Person zu sehr belastet, sei es psychisch oder körperlich. Zumindest denken wir dies. Und es spricht tatsächlich für uns, dass wir diese Empathie zeigen. Doch was spricht dagegen, genau dies anzusprechen und im Dialog eine gemeinsame Lösung zu suchen?
  • Wir denken, dass es eine erste Stufe auf dem Weg zum Verfall ist, wenn wir um Hilfe bitten.
    Wenn Körper oder Geist nicht mehr so mitspielen, wie wir es gewohnt sind, kann das die Seele ganz schön belasten. Haben wir uns immer für unverwundbar gehalten, sind wir nun damit konfrontiert, dass wir alt werden und eines (hoffentlich fernen) Tages sterben werden. Das Nachlassen der Kräfte ist auch immer eine Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit. Dies ist für uns selbst schon schwer zu akzeptieren – es vor anderen Menschen zuzugeben, ist noch einmal schwieriger. Doch warum eigentlich? Fällt die Akzeptanz nicht womöglich leichter, wenn wir mit geliebten Personen, denen wir vertrauen, darüber reden können, was uns belastet?
  • Wir denken, dass die Bitte um Hilfe einem Totalversagen gleich kommt.
    Ganz oder gar nicht, schwarz oder weiß – dieses Denken ist oftmals Teil unseres Lebens, um Schwierigkeiten in einfache Kategorien einteilen zu können. Auch Hilfe annehmen fällt darunter. Unbesiegbar oder komplett auf die Hilfe anderer angewiesen – dazwischen scheint es nichts zu geben. Doch ist das wirklich so? Was können wir denn nicht mehr? Was hingegen immer noch? Und was womöglich deutlich besser als in jungen Jahren? Ist es nicht so, dass unsere Lebenserfahrung uns in vielerlei Hinsicht auch zu einer Persönlichkeit hat reifen lassen, die mehr denn je als Gesprächspartner gefragt ist, auch wenn wir zum Beispiel im Rollstuhl sitzen?
  • Wir denken, dass wir abgewiesen werden könnten, wenn wir um Hilfe bitten.
    Mit einem Nein lässt sich schwer umgehen. Das war schon immer so. Und gerade, wenn wir Hilfe benötigen, tut eine Ablehnung doppelt weh. Doch muss diese Ablehnung immer kommen? Warum gehen wir immer vom Schlimmsten aus? Und selbst, wenn eine Antwort kommt wie „Mir fehlen leider die Möglichkeiten, dir zu helfen. Aber lass uns überlegen, wer das könnte.“ – was ist daran wirklich schlimm?
  • Wir denken, dass andere Menschen Hilfe viel nötiger haben als wir selbst.
    Es wird immer Menschen geben, denen es schlechter geht, als uns. Alleine durch die Tatsache, dass wir in einer westlichen Industrienation leben und vermutlich nie ernsthaft unter Hunger, Armut, Krieg und Todesängsten gelitten haben, macht uns zu privilegierten Menschen. Doch haben wir deshalb weniger Recht, Hilfe annehmen zu dürfen? Welche moralische Instanz entscheidet, ab wann einer Person Hilfe zuteil werden darf und ab wann nicht? Macht es wirklich Sinn, Hilfsbedürftigkeit gegeneinander abzuwägen? Ist nicht jeder Mensch für selbst zu betrachten?
  • Wir denken, dass wir zu einer Gegenleistung verpflichtet sind, wenn wir um Hilfe bitten.
    „Wenn mir jemand etwas Gutes tut, dann muss ich mich revanchieren.“ So haben wir es oft gelernt, dieser Glaubenssatz ist tief in uns verankert. Doch selbst, wenn wir in diesem Denken bleiben – kann es nicht sogar sein, dass wir selbst bereits schon oftmals in Vorleistung gegangen sind und dieser Logik gemäß nun selbst Anspruch darauf haben, um einen Gegengefallen bitten zu dürfen?


Sprüche und Zitate

Du kannst Dich selbst nicht dafür verurteilen, Hilfe zu brauchen.

(Brené Brown)

In diesen Situationen sollten Sie spätestens Hilfe annehmen

Hilfe annehmen kann uns also aus oben genannten Gründen schwer fallen. Dennoch ist es ratsam, sich so früh wie möglich damit auseinander zu setzen, dass wir eines Tages auf Unterstützung angewiesen sein werden. Spätestens, in einem der folgenden Fälle:

  • Wenn unsere Bewegungsfähigkeit eingeschränkt ist und wir zum Beispiel einen Rollator brauchen oder unsere Wohnung barrierefrei umgestalten müssen.
  • Wenn wir krank werden und einige Erledigungen des Alltags nicht mehr leisten können.
  • Wenn wir pflegebedürftig werden – sei es durch eine neurologische Erkrankung wie Demenz oder durch körperliche Einschränkungen.
  • Wenn unsere Seele streikt und die großen Belastungen unseres langen Lebens beispielsweise eine Depression auslösen.
  • Wenn wir mit der Schnelllebigkeit und den Veränderungen der Zeit oder mit dem Eintritt in den Ruhestand überfordert sind.

In diesen Situationen werden wir merken, dass Hilfe annehmen nicht nur nötig ist, sondern auch weise und bereichernd. Denn es ist ein wunderbares Gefühl, zu merken, dass man durch liebevolle Hilfeleistung nicht nur weiter kommt im Leben, sondern auch gemeinsame Erlebnisse schafft und somit die sozialen Beziehungen stärkt.

Hilfe annehmen: So fällt es leichter

Manchmal gibt es keine Alternative als Hilfe annehmen zu müssen. Allein, weil es uns schlicht nicht weiter bringt, ein Problem auszusitzen. Denn häufig wird es dadurch eher schlimmer als besser. Daher müssen wir uns damit auseinander setzen, die Hilfe anderer annehmen zu dürfen und zu können. Einige Tipps, wie uns dies leichter fällt:

  • Fassen Sie Vertrauen und teilen Sie sich mit. Stehen Sie zu Ihren Bedürfnissen und seien Sie es sich wert.
  • Blocken Sie nicht ab, wenn Sie gefragt werden, ob und welche Hilfe Sie benötigen. Diese Frage kommt in aller Regel aus Anteilnahme und nicht als Höflichkeitsfloskel.
  • Akzeptieren Sie die Hilfe. Dieses Verhalten ist nicht würdelos, sondern ganz im Gegenteil: sehr würdevoll.
  • Versetzen Sie sich in die Rolle des Helfenden. Als Sie zuletzt einer Person geholfen haben – wie war das? Fragen Sie sich selbst: Haben Sie sich danach eher besser oder schlechter gefühlt?
  • Betrachten Sie das Annehmen von Hilfe nicht als Defizit, sondern als Bereicherung in Ihrem Leben: Hilfe geben und Hilfe annehmen schaffen eine tiefe Verbindung zwischen zwei Menschen.

Was andere Leser noch gelesen haben

[Bildnachweis: Liderina by Shutterstock.com]
24. Oktober 2020 Redaktion Icon Autor: Herbstlust Redaktion

Die Herbstlust-Redaktion besteht aus erfahrenen Autoren mit langjähriger Berufserfahrung. Trotz sorgfältiger Recherche erheben die Artikel keinen Anspruch auf Vollständigkeit und informieren lediglich allgemein. Der vorliegende Artikel kann eine fachliche oder ärztliche Beratung nicht ersetzen.

Weiter zur Startseite