Hilfe annehmen: So schwer und doch so leicht

Hilfsbereit sind viele. Umgekehrt ist es diesen Menschen oft unangenehm, wenn sie Hilfe annehmen sollen. Ihnen fällt schwer zuzugeben, dass sie auf Unterstützung angewiesen sind. Es nagt am Stolz. Stattdessen rackern sie sich lieber allein ab. Mit fatalen Konsequenzen. Doch Hilfe annehmen zu können, ist kein Zeichen von Schwäche. Warum viele damit Schwierigkeiten haben und warum Sie sich Unterstützung erlauben sollten…

Hilfe annehmen: So schwer und doch so leicht

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Hilfe annehmen ist keine Schwäche

Viele Menschen haben kein Problem damit, ihren Liebsten oder sogar völlig Fremden zu helfen. Ganz im Gegenteil: Hilfe zu leisten gilt als erste Menschenpflicht und die unterlassene Hilfeleistung stellt sogar eine gesetzliche Straftat dar. Sollen sie jedoch selbst Hilfe annehmen oder darum bitten, tun sich viele schwer.

Es gilt ihnen als Zeichen von Schwäche. Nur wer alles aus eigener Kraft schafft, scheint in unserer Gesellschaft respektiert zu sein. Die mediale Berichterstattung über erfolgreiche „Selfmademen“ oder Selfmadewomen“ leistet ihr Übriges dazu, um dieses Bild zu bestärken. Dazu kommt: Helfen macht glücklich. Sich selbst gewissermaßen in eine Schuld zu begeben, fürchten hingegen viele.

Hilfe annehmen ist eine Stärke

Manch einer assoziiert Hilfe annehmen automatisch mit Hilflosigkeit, Unselbstständigkeit und Kontrollverlust über ihr Leben. Dabei gibt es kaum einen Menschen, der nicht einmal auf Hilfe angewiesen ist. Sich selbst dies einzugestehen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Selbstreflexion und Stärke. Es ist wichtig zu erkennen, dass man nicht (mehr) alles kann. Dies ist nichts anderes als ein Anerkennen der Realität. Alles andere wäre hingegen Selbstbetrug.

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Was macht es so schwer, Hilfe anzunehmen?

Es gibt viele Gründe, die uns das Hilfe annehmen erschweren. Oft sind es innere Glaubenssätze. Hilfe anzunehmen bedeutet, sich diese bewusst zu machen. Häufig sind es Gedanken wie die folgenden:

Andere könnten sich belästigt fühlen

Gerade unsere Liebsten möchten wir nicht belasten. Wir wissen, dass unser Partner, unsere Freunde oder unsere Kinder schon genügend Probleme haben – müssen wir sie also wirklich noch mit unseren belasten? Nun, das müssen wir nicht. Aber wir dürfen. Wer uns liebt, wird auch für gerne für uns da sein. Oder uns deutlich mitteilen, dass seine Grenzen erreicht sind. Dies sollten wir diese Person aber selbst entscheiden lassen und nicht in einem Akt vorauseilenden Gehorsams vorwegnehmen.

Wir könnten als Verlierer dastehen

Gerade bei unseren Kindern fällt es uns schwer, Hilfe annehmen zu können. Waren wir doch im Leben immer die starke Person, die alles im Griff hatte und für jegliches Problem eine Lösung hatte. Eine Umkehr dieser eingefahrenen Rollen ist oft nicht so leicht. Doch diese ist nichts anderes als der Lauf des Lebens: Die Kinder sind nun erwachsen, wir selbst bauen spätestens seit Mitte 30 körperlich ab – zunächst unmerklich, dennoch sukzessive. Wir sind also kein Schwächling, dass wir Hilfe annehmen müssen, sondern eine starke Persönlichkeit, die es überhaupt erst in dieses höhere Alter geschafft hat.

Welche Hilfe wir benötigen, ist zu umständlich zu erklären

„Bis ich erklärt habe, was zu tun ist, habe ich es selbst gemacht.“ So denken viele. Kurzfristig mag das stimmen. Doch auf lange Sicht ist dieses Denken wenig sinnvoll. Einige Hilfeleistungen benötigen wir nicht einmalig, sondern öfters. Insofern ist es über kurz oder lang unausweichlich, dass wir uns öffnen und erkennen, was wir möchten und brauchen. Warum dann nicht gleich?

Das Hilfegesuch verdeutlicht die eigene Endlichkeit

Wenn Körper oder Geist nicht wie gewohnt mitspielen, kann das die Seele belasten. Das Nachlassen der Kräfte ist auch immer eine Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit. Dies ist für viele schon schwer zu akzeptieren – es vor anderen Menschen zuzugeben, ist noch einmal schwieriger. Doch warum eigentlich? Womöglich fällt die Akzeptanz leichter, wenn wir mit geliebten Personen, denen wir vertrauen, darüber reden, was uns belastet.

Das Hilfegesuch könnte totales Versagen offenbaren

Ganz oder gar nicht, schwarz oder weiß – dieses Denken hilft dabei, um Schwierigkeiten in einfache Kategorien einzuteilen. Auch Hilfe annehmen fällt darunter. Unbesiegbar oder vollständig auf die Unterstützung anderer angewiesen – dazwischen scheint es nichts zu geben. Doch ist das wirklich so? Was geht denn nicht mehr? Was hingegen immer noch? Und was womöglich deutlich besser als in jungen Jahren? Ist es nicht so, dass unsere Lebenserfahrung uns in vielerlei Hinsicht auch zu einer Persönlichkeit hat reifen lassen, die als Gesprächspartner gefragt ist, auch wenn wir zum Beispiel im Rollstuhl sitzen?

Die Bitte um Hilfe könnte abgewiesen werden

Mit einem Nein lässt sich schwer umgehen. Besonders wenn wir Hilfe benötigen, tut eine Ablehnung weh. Aber eine Ablehnung ist kein Automatismus. Viele gehen direkt vom Schlimmsten aus, weshalb sie erst gar nicht nachfragen. Dabei besteht auch die Möglichkeit, dass der Gefragte selbst vielleicht nicht zu helfen in der Lage ist, aber nach Mitteln und Wegen sucht, Unterstützung zu leisten. Und das wäre ja ebenfalls hilfreich.

Andere Menschen sind sicherlich bedürftiger

Es wird immer Menschen geben, denen es schlechter geht, als uns. Allein dass wir in einer westlichen Industrienation leben und vermutlich nie ernsthaft unter Hunger, Armut, Krieg und Todesängsten gelitten haben, macht uns zu privilegierten Menschen. Doch das bedeutet nicht, weniger berechtigt zu sein Hilfe annehmen zu dürfen. Welche moralische Instanz entscheidet, ab wann einer Person Hilfe zuteil werden darf und ab wann nicht? Macht es wirklich Sinn, Hilfsbedürftigkeit gegeneinander abzuwägen? Ist nicht jeder Mensch für selbst zu betrachten?

Die Hilfe verpflichtet zu einer Gegenleistung

Manch einer will keine Hilfe annehmen, weil er befürchtet, es nicht wieder gutmachen zu können. Das Prinzip „Wie du mir, so ich dir“ ist tief verankert. Doch selbst wenn das stimmt: Wie oft sind Sie selbst bereits in Vorleistung gegangen? Gemäß dieser Logik hätten Sie nun selbst Anspruch darauf, um einen Gegengefallen zu bitten. Aber die eigene Unterstützung vergessen viele – oder reden sie klein.

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Warum Sie Hilfe annehmen sollten

Auch wenn Sie selbst ganz gut zurechtkommen: Es gibt tatsächlich gute Gründe, warum Menschen hier und da Hilfe annehmen sollten:

  • Sie stärken den Kontakt
    Wer nicht nur selber immer unterstützt, sondern auch anderen die Chance gibt zu helfen, stärkt die sozialen Bande zwischen sich und dem Helfenden.
  • Sie erleichtern zukünftige Hilfe
    Hier und da um Hilfe zu bitten, hat Signalwirkung für die Zukunft. Wer hingegen nie hilfsbedürftig zu sein scheint und Hilfsangebote ablehnt, wird weniger Hilfsangebote von anderen erhalten. Das fand zumindest die amerikanische Psychologin Vicki S. Helgeson heraus.
  • Sie ermöglichen Ebenbürtigkeit
    Wer selbst immer nur hilft, kann sich als edler Ritter in der Not fühlen. Gibt man dem anderen aber keine Chance sich zu revanchieren, weist man ihm eher eine hilflose Rolle zu. Die Beziehung ist dann nicht mehr auf Augenhöhe, sondern im Ungleichgewicht.

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Hilfe annehmen: Sprüche und Zitate

  • „Du kannst Dich selbst nicht dafür verurteilen, Hilfe zu brauchen.“ (Brené Brown)
  • „Hilfsbereitschaft kann nicht durch Erlässe hergestellt werden. Sie muss in den Herzen der Menschen entstehen.“ (Sigmund Widmer)
  • „Niemand kann ehrlichen Herzens versuchen, einem anderen zu helfen ohne sich selbst zu helfen.“ (Ralph Waldo Emerson)
  • „Wenn jeder dem anderen helfen wollte, wäre allen geholfen.“ (Marie von Ebner-Eschenbach)
  • „Mancher ertrinkt lieber, als dass er um Hilfe ruft.“ (Wilhelm Busch)
  • „Freundschaft ist Gefühl und Verständnis füreinander und Hilfsbereitschaft in allen Lebenslagen.“ (Marcus Tullius Cicero)
  • „Takt ist die Fähigkeit, einem anderen auf die Beine zu helfen, ohne ihm dabei auf die Zehen zu treten.“ (Curt Goetz)
  • „Trost gibt der Himmel, von dem Menschen erwartet man Beistand.“ (Ludwig Börne)
  • „Unter guten, seelenvollen Menschen trägt sich die Last des Lebens leicht.“ (Novalis)
  • „Wer jede Mühe abnimmt, das Bemühen anderer abwehrt, wird nicht geliebt, sondern übersehen.“ (Else Pannek)

In diesen Situationen sollten Sie spätestens Hilfe annehmen

Hilfe annehmen kann aus verschiedensten Gründen schwerfallen. Dennoch sollten Sie sich so früh wie möglich damit auseinanderzusetzen, dass jeder eines Tages auf Unterstützung angewiesen sein wird. Spätestens in einem der folgenden Fälle:

  • Eingeschränkte Bewegungsfähigkeit
    Wenn Sie zum Beispiel einen Rollator brauchen oder die Wohnung barrierefrei umgestalten müssen.
  • Erhöhte Pflegebedürftigkeit
    Beispielsweise wenn Sie aufgrund von Krankheit einige Erledigungen des Alltags nicht mehr leisten können. Auch als Pflegefall (etwa durch eine neurologische Erkrankung wie Demenz oder durch körperliche Einschränkungen) sind Menschen auf Hilfe angewiesen.
  • Seelische Belastungen
    Sie fallen in eine Depression oder sind mit Eintritt in den Ruhestand mit der neuen Situation überfordert.

In diesen Situationen ist Hilfe annehmen nicht nur nötig, sondern auch weise und bereichernd. Denn liebevolle Hilfeleistung bringt Sie nicht nur weiter im Leben, sondern schafft gemeinsame Erlebnisse und stärkt die sozialen Beziehungen.

Hilfe annehmen: So fällt es leichter

Manchmal gibt es keine Alternative als Hilfe annehmen zu müssen. Allein, weil sich manches Problem nicht auszusitzen lässt. Denn häufig wird es dadurch eher schlimmer als besser. Daher müssen wir uns damit auseinandersetzen, die Hilfe anderer annehmen zu dürfen und zu können. Einige Tipps, wie uns dies leichter fällt:

  • Fassen Sie Vertrauen
    Teilen Sie sich anderen mit. Stehen Sie zu Ihren Bedürfnissen und seien Sie es sich wert.
  • Blocken Sie nicht ab
    Seien Sie offen, wenn Sie gefragt werden, ob und welche Hilfe Sie benötigen. Diese Frage kommt in aller Regel aus Anteilnahme und nicht als Höflichkeitsfloskel.
  • Akzeptieren Sie die Hilfe
    Dieses Verhalten ist nicht würdelos, sondern ganz im Gegenteil: sehr würdevoll.
  • Versetzen Sie sich in den Helfer
    Als Sie zuletzt einer Person geholfen haben – wie war das? Fragen Sie sich selbst: Haben Sie sich danach eher besser oder schlechter gefühlt?
  • Ändern Sie Ihre Sichtweise
    Betrachten Sie das Annehmen von Hilfe nicht als Defizit, sondern als Bereicherung in Ihrem Leben: Hilfe geben und Hilfe annehmen schaffen eine tiefe Verbindung zwischen zwei Menschen.

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[Bildnachweis: Liderina by Shutterstock.com]

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