Hypochondrie: Die Angst vor dem Krankwerden

Die allermeisten Menschen fürchten sich davor, krank zu werden. Doch wenn diese Angst das Leben beherrscht und jedes kleine Symptom sofort übertrieben gedeutet wird, spricht man Hypochondrie.

Diese übersteigerte Furcht vor Krankheiten lähmt die Betroffenen meist in der Bewältigung ihres Alltagslebens, fokussiert sie auf vermeintliche Leiden und ist für sie deshalb weitaus ernster, als viele denken.

Wann man genau von Hypochondrie spricht und was Sie dagegen tun können, klären wir hier.

Hypochondrie: Die Angst vor dem Krankwerden

Was ist Hypochondrie?

Hypochondrie ist kein neues Thema. Schon in der Antike wurde darüber berichtet und im 17. Jahrhundert machte Molière sie in seiner berühmten Komödie „Der eingebildet Kranke“ zum Thema. Und auch etliche berühmte Persönlichkeiten sind als Hypochonder bekannt: Von Friedrich dem Großen über Thomas Mann, Charlie Chaplin, Woody Allen bis hin zu Harald Schmidt oder Jürgen von der Lippe.

Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland mindestens eine Million Menschen von Hypochondrie betroffen sind. Vermutlich liegt die Dunkelziffer noch bedeutend höher. Sie leiden an einer übersteigerten Angst, zu erkranken beziehungsweise bereits krank zu sein. Die Gedanken kreisen immer wieder um mögliche Krankheiten. Dass das Internet zudem reichlich Informationen (darunter auch etliche Halbwahrheiten) über mögliche, schlimme Folgen bestimmter Symptome parat hat, macht diese Furcht eher schlimmer als besser.

Denn je mehr ein Hypochonder über eine Erkrankung weiß, umso eher ist er auch der Meinung, die entsprechenden Symptome selbst zu verspüren. Dabei ist Hypochondrie nicht nur eine bestimmte Krankheit begrenzt (zum Beispiel Krebs), sondern die Angst kommt oft schubweise ohne objektiv nachvollziehbare Anlässe auf und ist bei vielen Menschen völlig unabhängig von bestimmten Symptomen. Dadurch wird das Leben und dementsprechend auch die Verhaltensweisen der Patienten bestimmt. Sie reichen von einem ausgeprägten (teils übertriebenen) gesundheitsorientierten Lebensstil über häufige Arztbesuche bis hin zu Medikamentenmissbrauch oder sogar Wahnvorstellungen.

Dabei durchlaufen die Betroffenen meist einen Teufelskreis: Durch die Angst werden tatsächlich bestimmte psychosomatische Prozesse im Körper ausgelöst wie Herzrasen oder erhöhter Blutdruck, die wiederum die Angst und die Gefahr einer Missdeutung der Symptomatiken weiter befeuern. Dies schränkt nicht nur die Lebensqualität dieser Menschen deutlich ein und erhöht ihren täglichen psychischen Stressfaktor, sondern kann schlimmstenfalls sogar zu Panikattacken und dauerhaften Angststörungen führen.

Durch überproportional häufige Arztbesuche verursacht Hypochondrie zudem nicht unerhebliche Kosten für das Gesundheitssystem. Allerdings ist beileibe nicht jeder Hypochonder gleich. Viele von ihnen entwickeln sogar eine regelrechte Phobie davor, einen Arzt aufzusuchen und behelfen sich stattdessen lieber mit Selbstmedikation. In vielen Fällen sogar prophylaktisch, denn oftmals richtet sich die Furcht nicht um die Gegenwart sondern ist vielmehr eine Sorge um den Verlust der Gesundheit in der Zukunft. So vermindert sich auf Dauer ihre Lebensfreude massiv.

Eine Hypochondrie ist übrigens keine kurze Phase. Ärzte sprechen erst von Hypochondrie, wenn die Ängste über mindestens ein halbes Jahr andauern.

Was deutet auf eine Hypochondrie hin?

Die Grenzen, ab wann eine Person an Hypochondrie leidet oder ob sie sich lediglich „berechtigte“ Sorgen um ihre Gesundheit macht, sind fließend und selten klar zu bestimmen. Es gibt jedoch einige Hinweise, die eine auf eventuelle Hypochondrie – in welcher Ausprägung auch immer – hindeuten können:

  • Die Sorge um die eigene Gesundheit bestimmt den Großteil des Tages. Dies schließt eine häufige Beschäftigung mit den Themen Tod, Pflegebedürftigkeit beziehungsweise Behinderung mit ein.
  • Ganz bestimmte, schwere Krankheiten rücken immer wieder in den Fokus. Dabei recherchieren Hypochonder regelmäßig nach aktuellen Informationen und Erkenntnissen dazu.
  • Unsicherheiten können nur schwer ertragen werden. Ein Hypochonder nimmt tendenziell immer das Schlimmste an, solange er keine hundertprozentig sicheren Diagnosen hat, die das Gegenteil beweisen und selbst dann werden diese oftmals angezweifelt.
  • Kleine Schwankungen und Signale des Unwohlseins des Körpers werden überhöht und fehlgedeutet. Sie werden nicht akzeptiert sondern die Aufmerksamkeit richtet sich ganz gezielt darauf, ob sich diese womöglich sogar noch verschlechtern.
  • Auf einen gesunden Lebensstil wird ganz besonders Wert gelegt. Das ist per se nicht unbedenklich – ganz im Gegenteil. Aber Hypochonder treiben oft exzessiv Sport oder verzichten komplett auf bestimmte Nahrungsmittel, anstatt sich lediglich bewusst und ausgewogen zu ernähren und zu bewegen.
  • Hypochonder wirken auf die Außenwelt häufig narzisstisch, da sich ihre Gedanken fast ausschließlich um sich selbst drehen. Der Fokus auf das Negative (also die Krankheit) verleiht dem Ganzen mitunter depressive Züge.
  • Durch die Unzufriedenheit kommt es oftmals zu Gereiztheit, die wiederum vermehrt zu Konflikten führt.

All diese Hinweise müssen für sich gesehen oder zeitlich befristet mitunter noch kein Problem darstellen. Doch je mehr und stärker sie ausgeprägt sind, umso schwieriger werden sie für die Betroffenen sowie ihre Umwelt.

Auslöser für eine Hypochondrie

Einen klaren Auslöser lässt sich bei einer Hypochondrie selten ausmachen. In den meisten Fällen handelt es sich um einen schleichenden, oftmals lebenslangen Prozess, der bereits in der Jugend begann. Dennoch können bestimmte Ereignisse diese Entwicklung beschleunigen oder verstärken:

  • Das Auftreten einer Depression
  • Eine schwere (wenn auch überstandene) Krankheit
  • Der Verlust eines geliebten Menschen durch eine schwere Erkrankung
  • Ein geringes Selbstwertgefühl und das Gefühl der Verwundbarkeit
  • Ein Defizit an Liebe und Zuneigung

Therapie von Hypochondrie

Hypochondrie ist nicht heilbar. Aber eine Therapie kann den Betroffenen dabei helfen, bewusster und rationaler mit ihren Ängsten umgehen zu können. Allerdings ist es durchaus auch schon vorgekommen, dass gerade die intensive Auseinandersetzung mit einer Hypochondrie in einer Therapie diese sogar noch verstärkt hat. Unter Umständen wird sogar die eine Form der Hypochondrie durch eine andere gewissermaßen „ersetzt“.

Dennoch sollten Betroffene nicht zögern und zunächst mit ihrem Hausarzt darüber sprechen. Alleine dieses Ansprechen erleichtert für viele Hypochonder bereits den Umgang mit ihren Ängsten. Der Hausarzt kann dann den Patienten an einen Psychotherapeuten (Psychologe oder Psychiater) weiter überweisen, sobald er eine tatsächliche, organische Erkrankung ausgeschlossen hat.

Wer dafür genau in Frage kommt, hängt vom Einzelfall ab. Der Unterschied liegt grundsätzlich in der Ausbildung: Ein Psychologe hat Psychologie studiert, ein Psychiater ist ein Mediziner. Je nachdem, welchen Ansatz diese Therapeuten pflegen, gibt hier aber auch viele Schnittmengen, so dass es prinzipiell zuvorderst auf die persönliche Ebene und das Vertrauen ankommt und weniger auf die explizite Ausbildung.

Jede psychotherapeutische Behandlung beginnt dabei mit einem intensiven Vorgespräch, in dem die Gedanken, Sorgen und die Ängste sowie die subjektiv empfundenen Beschwerden zur Sprache kommen. Im Anschluss wird dann der Ablauf einer möglichen Therapie besprochen. Da Medikamente (sogenannte Psychopharmaka) bei Hypochondrie nur in sehr schweren Fällen zum Einsatz kommen, wird meist mit einer kognitiv-behavioralen Psychotherapie begonnen. Diese läuft im Einzelnen in den drei folgenden Phasen ab:

  1. Einleitung der Therapie
    Zunächst geht es darum, gemeinsam mit dem Patienten den Leidensweg und die Entwicklung der Ängste zu reflektieren. Daraus ergeben sich die Ziele der Therapie, die zusammen formuliert und festgelegt werden.
  2. Hauptteil der Therapie
    Im Hauptteil werden die Ängste weiter intensiv bewusst gemacht, um daraufhin das Verhalten ändern zu können. Zur Verdeutlichung können dabei bestimmte Experimente hilfreich sein wie zum Beispiel die Bewusstmachung von psychosomatischen Abläufen im Körper. So wird beispielsweise dem Patienten durch die Konzentration auf bestimmte, bislang nicht von der Hypochondrie betroffene, Körperbereiche und -abläufe verdeutlicht, was diese Gedanken an Reaktionen auslösen können, die ansonsten nicht bewusst steuerbar sind. Zudem werden Stress und Stressreaktionen im Leben des Patienten thematisiert. Auch das Führen eines Verhaltensprotokolls kann zur Konfrontation beziehungsweise Verdeutlichung und damit zu einer Verhaltensänderung beitragen.
  3. Abschluss der Therapie
    Die gemeinsam erarbeiteten Verhaltensänderungen müssen nun automatisiert werden. Dazu werden die Analysen in einer Erklärung zusammengefasst, um für die Zukunft ein klares Verhaltensmuster als Sicherheit für den Patienten zu erhalten. Dabei ist stets das Für und Wider dieser Muster zu beleuchten. Diese Handlungsanweisung wird nun mit den Erwartungsformulierungen zu Beginn der Therapie abgeglichen. Es geht dabei nicht darum, dem Patienten zu sagen, was er zu tun hat, sondern ihm dabei zu helfen, für sich selbst Mittel und Wege zu finden. Sind diese realistisch für ihn durchführbar, so kann der Patient zukünftig auch ohne therapeutische Hilfe sein Leben gestalten.

Ist Hypochondrie heilbar?

Wie bereits erwähnt ist Hypochondrie nicht heilbar. Doch darum geht es auch gar nicht. Vielmehr muss dabei der Weg im Vordergrund stehen, wie der Betroffene zukünftig mit seinen Ängsten, die immer wieder auftreten können, umgehen kann. Dieser Lerneffekt hilft in den meisten Fällen dabei, die Hypochondrie im Griff zu haben.

Mittel und Wege, um den Alltag zu gestalten, geben den Betroffenen zusätzliche Kraft und Energie zurück, die bislang von der Angst vor Krankheiten gewissermaßen aufgefressen wurden. Ist eine Hypochondrie lediglich seit einem oder zwei Jahren zu Tage getreten, geht dies wesentlich leichter und schneller, als wenn sie dem Patienten bereits schon über Jahrzehnte zu schaffen macht und sich quasi in den Alltag eingeschliffen hat.

Daher geht die Therapie bei jungen Patienten in der Regel auch deutlich schneller als bei älteren, bei denen die Behandlung mitunter extrem zeitintensiv ist. In diesem Zusammenhang reden wir eher von vielen Jahren der Therapie anstatt nur von Wochen.

Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und informiert Sie nur allgemein. Er kann und soll eine medizinisch-ärztliche Beratung nicht ersetzen. Vor der Einnahme eines Medikamentes lesen Sie bitte die Packungsbeilage sorgfältig durch und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

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[Bildnachweis: HBRH by Shutterstock.com]
24. November 2020 Redaktion Icon Autor: Herbstlust Redaktion

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