Kristalline Intelligenz trainieren: Tipps für Altersweisheit

Wenn wir von Intelligenz sprechen, meinen wir meist die kristalline Intelligenz: Gemeint ist damit das, was wir umgangssprachlich als Altersweisheit bezeichnen. Anders als die fluide Intelligenz, die bereits in jungen Jahren abnimmt, ist die kristalline bis ins hohe Alter trainierbar. Diese Intelligenzform speist sich aus Erfahrungen und Faktenwissen. Wir geben Beispiele für beide Intelligenzarten und erläutern, was die Psychologie dazu sagt. Außerdem geben wir Tipps, wie Sie kristalline Intelligenz trainieren können…

Kristalline Intelligenz trainieren: Tipps für Altersweisheit

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Definition: Was ist kristalline Intelligenz?

Der Begriff kristalline Intelligenz geht auf den Intelligenzforscher Raymond Cattell zurück. Er stellte ein Intelligenzmodell auf, wonach sich zweierlei Formen der Intelligenz unterscheiden lassen. Die kristalline (oder kristallisierte) Intelligenz umfasst demnach das gesamte Wissen, das eine Person im Laufe ihres Lebens aus verschiedenen Lernprozessen erwirbt. Unterscheiden lassen sich zwei Bestandteile:

  • Explizites Wissen
    Dazu zählt als ein wichtiger Faktor das Schulwissen, aber daneben auch Allgemeinbildung, Berufserfahrung, Lebenserfahrung und Erinnerungen.
  • Implizites Wissen
    Dieses umfasst das Ausdrucksvermögen, beispielsweise durch einen großen Wortschatz, soziale Kompetenz und erworbene Verhaltensweisen und Fähigkeiten.

Die Ausprägung der kristallinen Intelligenz ist im großen Maße von Umweltfaktoren abhängig. Ausbildung, Kultur und Sozialisation unterscheiden sich je nach Herkunft.

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Was ist der Unterschied zwischen fluider und kristalliner Intelligenz?

Die andere Intelligenzform bezeichnete Cattell als fluide Intelligenz. Sie ermöglicht, sich an neue Situationen anzupassen und Probleme zu lösen. Dabei ist diese Fähigkeit unabhängig von bisherigem Wissen. Sie gilt im besonderen Maße als Fähigkeit, schnell Muster zu erkennen und zu analysieren. Fluide Intelligenz zeigt sich beispielsweise in der Verarbeitungsgeschwindigkeit und im logischen als auch abstrakten Denken. Beide Intelligenzformen sind Teil der Zweikomponententheorie und ergänzen sich gegenseitig.

Cattell zufolge ist fluide Intelligenz genetisch bedingt. Sie ist besonders in jungen Jahren ausgeprägt und steigt bis zum 25. Lebensjahr an. Danach nimmt sie kontinuierlich ab. Kristalline Intelligenz steigt zwar ebenfalls deutlich bis zum 25. Lebensjahr an. Im Unterschied zu fluider Intelligenz bleibt sie danach jedoch konstant oder steigt sogar an. Erst ab dem 65. Lebensjahr verringert sie sich. Allerdings belegt die Forschung, dass sich dieser Prozess aufhalten lässt.

Kristalline Intelligenz messen: Test

Beide Intelligenzformen (Gf = fluid, Gc = crystalline) ergeben zusammen den Generalfaktor der Intelligenz (G). Er bestimmt wiederum den Intelligenzquotienten. Da sowohl fluide Intelligenz als auch kristalline im Laufe des Lebens unterschiedlich ausgeprägt sind, variiert der Intelligenzquotient somit je nach Lebensalter. Verschiedene Tests untersuchen, in welchem Maße Intelligenz bei Menschen ausgeprägt ist.

Da die Lebensumstände je nach sozialer Schicht und Kultur variieren, wäre keine allgemeingültige Aussage möglich. Viele Forscher verzichten darauf, kristalline Intelligenz zu messen. Sie konzentrieren sich auf den Culture Fair Intelligence Test (CFIT = Kulturell fairer Intelligenztest). Er hat einen chancengleichen Ansatz und stellt Vergleichbarkeit her. Auf Rechnen und Lesen verzichtet der Test, stattdessen steht logisches Denken im Vordergrund. Mithilfe von Multiple-Choice-Aufgaben misst der Raven Progressive Matrices (RPM) ebenfalls fluide Intelligenz.


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Kristalline Intelligenz trainieren: Tipps gegen Demenz

Wenngleich die fluide Intelligenz mit Mitte zwanzig abnimmt, so hängt sie dennoch stark mit der kristallinen zusammen. Denn der größte Wortschatz (kristalliner Bereich) nützt nichts, wenn Sie ihn nicht angemessen anzuwenden wissen. Aber: Die kristalline Intelligenz lässt sich sehr gut trainieren und sogar verbessern.

Wer seine kristalline Intelligenz ausbaut, gleicht Defizite in der fluiden Intelligenz aus. Damit wirken Sie dem geistigen Abbau entgegen. Selbst Formen der Demenz – etwa Alzheimer – lassen sich so vorbeugen. Daher ist es auch im hohen Alter noch lohnenswert, etwas Neues zu lernen. Folgende Tipps können dabei helfen:

1. Offenheit zeigen

Häufig bewegen wir uns in immer denselben Kreisen. Dadurch erhalten wir allerdings wenig neuen Input. Im Gegenteil: Bestehende Meinungen werden zementiert, Vorurteile gepflegt. Wer seine Intelligenz trainieren will, sollte offen für Neues sein. Ungewöhnliche Ansichten und neue Erfahrungen weiten den Horizont. Neue Sichtweisen erfahren Sie im Umgang mit anderen Menschen. Oder Sie lesen Dinge, von denen Sie bisher keine Ahnung hatten. Anregungen bieten Kurse bei der Volkshochschule oder ein Seniorenstudium. Für den Anfang können Sie aber auch einfach Ihre Allgemeinbildung verbessern: Zum Beispiel bei Rateshows wie „Wer wird Millionär“ oder mit Apps wie „Quizduell“ fürs Smartphone.

2. Sinne schärfen

Routinen graben sich wie eingetretene Trampelpfade ins Gedächtnis. Das ist praktisch, weil wir sofort wissen, wo es lang geht. Oder was wir in bestimmten Situationen zu tun haben. Gleichzeitig kommen wir bei Ungewohntem aus der Übung. Um genau das zu trainieren, sollten Sie neue Wege erkunden. Nehmen Sie zur Abwechslung mal einen anderen Weg. Erkunden Sie zu Fuß die Umgebung, Abkürzungen und mögliche Schleichpfade. So trainieren Sie die kristalline Intelligenz gleich auf mehrerlei Weise: Zum einen stärken Sie Ihren Orientierungssinn. Gleichzeitig lernen Sie neue Ecken kennen und drittens sorgen Sie für Abwechslung und Überraschung. So können sich neue Synapsen bilden.

3. Fremdsprache lernen

Eine neue Grammatik, fremde Wörter und vielleicht sogar eine andere Schrift: All das können Sie mit einer neuen Sprache lernen. Und noch mehr: Sie kann Ihnen im Urlaub bei der Verständigung helfen. Außerdem ergeben sich durch den Sprachkurs neue soziale Kontakte – Sie kommen also mit verschiedenen Charakteren und Biographien zusammen. Eine neue Sprache erweitert sowohl Ihren Wortschatz als auch Ihr Wissen über eine neue Kultur. Das hilft dabei, Vorurteile abzubauen und differenzierter zu denken.

4. Instrument üben

Wer ein neues Instrument erlernt, spricht gleich mehrere Sinne an: Das Hörvermögen, die Haptik und Ihr musikalisches Verständnis. Letzteres ist nah mit Logik verknüpft und fördert daher auch das mathematische Verständnis. Wer regelmäßig übt, verbessert seine Gedächtnis- und Konzentrationsfähigkeit erheblich. Auch Koordination, Feinmotorik und Planungssicherheit werden gestärkt. Grund dafür ist, dass Sie beim Musizieren gleichzeitig Ihre Augen, Ohren, Hände und Verstand einsetzen. Die Fertigkeiten stärken zudem das Selbstvertrauen.

5. Aktivität beweisen

Bleiben Sie in Bewegung. Geistig, aber auch körperlich: Das muss nicht gleich extrem schweißtreibender Sport sein. Schon Nordic Walking kann dazu beitragen, die Sauerstoffversorgung im Körper zu verbessern. Das unterstützt einen normalen Blutdruck und verringert das Thromboserisiko. Neue geistige Eindrücke können Reisen in fremde Länder vermitteln. Ist das zu teuer oder umständlich: Auch im Kleinen können Sie Ihre interkulturelle Kompetenz erweitern: Internationale Sommerfeste, Erzählcafés, Vereine und kulturelle Begegnungsstätten fördern den Austausch mit anderen Kulturen, Sichtweisen und Erfahrungen.

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Beispiel für kristalline Intelligenz

Dass das Alter sich bei der Intelligenz positiv auswirken kann, zeigt ein berühmtes Beispiel für kristalline Intelligenz. Der amerikanische Pilot Chesley Sullenberger war damals bereits in seinen späten fünfziger Jahren. Aus Pilotensicht fast schon ein Fall für den Ruhestand. Aber er vollbrachte das „Wunder von Manhattan“:

Er schaffte es sein Flugzeug zu notwassern, ohne dass es zerbricht. Mitten auf dem Hudson River in New York. Und zwar ohne dass einer seiner 155 Passagiere ums Leben kam. Innerhalb kürzester Zeit mussten er und seine Crew dafür mehrere Entscheidungen treffen. Dabei gehört die außerplanmäßige Wasserlandung nicht zum üblichen Training. Wie er es dennoch schaffte? Jahrelange Erfahrung und kristalline Intelligenz. Beides half dabei, in einer außergewöhnlichen Situation einen kühlen Kopf zu bewahren und die richtigen Maßnahmen zu ergreifen.

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[Bildnachweis: Herbstlust.de]

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