Pflege auf Distanz: Wenn die Eltern weit weg wohnen

Pflege auf Distanz ist erforderlich, wenn die Eltern weit weg wohnen und hilfsbedürftig sind. Oft arbeiten ihre erwachsenen Kinder in der Großstadt. Wohnen sie außerdem noch woanders, pendeln sie zwischen Arbeitsort, Wohnort und Heimatort, um ihre Eltern zu versorgen. Dies logistisch, aber auch emotional zu bewerkstelligen, ist eine Herausforderung. Auf welche Unterstützung Pflegende zurückgreifen können und wie Sie Überforderung vermeiden…

Pflege auf Distanz: Wenn die Eltern weit weg wohnen

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Was bedeutet Pflege auf Distanz?

Pflege auf Distanz bedeutet, pflegerische Aufgaben aus der Ferne zu übernehmen. Das können organisatorische Erledigungen von weit weg sein. Aber auch Aufgaben vor Ort fallen darunter, wenn der Pflegende dafür extra anreist. Es gibt keine exakte Definition davon, wie weit jemand dafür vom Wohnort entfernt sein muss. Eine Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege definiert folgendermaßen: Pflege auf Distanz ist gegeben, wenn pflegende erwachsene Kinder mindestens 25 Kilometer von ihren Eltern entfernt wohnen. Außerdem beträgt der Weg dorthin 20 Minuten oder mehr.

Ursächlich dafür ist die Auflösung traditioneller Familienverbände. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Mobilität. Immer häufiger nehmen vor allem jüngere Leute für die Karriere Wohnortswechsel in Kauf. Gehen die Eltern in den Ruhestand, sind mit der Zeit kleinere Hilfen vor Ort notwendig. Tritt jedoch der Pflegefall ein, reicht das nicht mehr. Gleichzeitig stellt die dauerhafte Pflege auf Distanz Berufstätige vor große Probleme.

Distance Caregiving

Die englische Bezeichnung „Distance Caregiving“ (seltener: Distant Caregiving) trägt der wachsenden Mobilität Rechnung: Die Pflege auf Distanz geht nämlich längst über die Landesgrenzen hinaus. Mittlerweile gibt es auch internationale wissenschaftliche Forschungen, die sich mit der Problematik auseinandersetzen. Dazu gehört das von der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg und der Careum Forschung initiierte binationale Projekt „DiCa – Distance Caregiving“. Zentrale Fragen sind, welche Unterstützung Angehörige für Pflege- und Hilfsbedürftige aus der Ferne leisten können. Auch geht es darum, nach den Auswirkungen und Rahmenbedingungen sowie technischen Lösungen zu forschen.

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Wie kann Unterstützung auf Distanz gestaltet werden?

Um die Pflege auf Distanz zu gestalten, können Pflegende auf einige Hilfen zurückgreifen. Dazu hat der Gesetzgeber mit verschiedenen Gesetzen den rechtlichen Rahmen geschaffen. Folgende Optionen haben Sie:

1. Freistellung

Arbeitnehmer haben danach Anspruch auf Freistellung vom Job. Beispielsweise können sie bei kurzzeitiger Arbeitsverhinderung bis zu 10 Tage freinehmen. Das bietet sich in Akutfällen an. In dieser Zeit können Sie sich um das pflegebedürftige Familienmitglied kümmern und eine Pflege organisieren. Eine Lohnfortzahlung gibt es nur bei arbeitsvertraglicher Vereinbarung. Jedoch haben sie Anspruch auf Pflegeunterstützungsgeld als Ausgleich für den Lohnausfall.

Alternativ können Sie eine sechsmonatige Pflegezeit nehmen, wenn Sie eine längerfristige Freistellung vom Job benötigen. Mit der Familienpflegezeit sind sogar zwei Jahre Freistellung möglich. Jedoch gilt die Pflegezeit erst für Betriebe ab 16, die Familienpflegezeit erst für Betriebe ab 26 Mitarbeitern. Für den Lohnausfall bei Pflege- und Familienzeit können Sie ein zinsloses Darlehen beantragen.

2. Pflegeberatung

Jeder Pflegebedürftige beziehungsweise sein pflegender Angehöriger hat Anspruch auf eine professionelle Pflegeberatung. Diese erbringen die Pflegekassen, die nach Anfrage einen Pflegeberater zur Seite stellen. Dazu wenden Sie sich entweder an Ihre Krankenkasse oder an einen Pflegestützpunkt. Der Pflegeberater schaut gemeinsam mit den Versicherten, welche Unterstützung zur Pflege auf Distanz möglich ist. Er kennt die Sozialleistungen und Unterstützungsangebote, sowohl auf Bundesebene als auch auf Länder- oder kommunaler Ebene.

Dabei informiert er nicht nur über die einzelnen Unterstützungsleistungen. Sondern hilft auch dabei, entsprechende Anträge auszufüllen. Das kann beispielsweise erforderlich sein für die Einordnung in Pflegestufen, einen Antrag auf Pflegehilfsmittel oder Pflegegeld. Zudem ist er behilflich bei der Suche nach einem geeigneten ambulanten Pflegedienst.

3. Netzwerk

Besonders bei der Pflege auf Distanz ist ein funktionierendes Netzwerk vor Ort wichtig. Einen Grundstein dafür haben Sie bereits mit der Pflegeberatung gelegt. Nun gilt es, alle an der Pflege Beteiligten einzubinden und gegebenenfalls neue Helfer zu erschließen. Das können Nachbarn des Familienmitglieds sein, bei denen Sie Ihre Telefonnummer hinterlegen und einen Ersatzschlüssel. Halten Sie Kontakt zu den Freunden des Pflegebedürftigen und Verwandten. Der eine oder andere kann vielleicht hin und wieder vorbeischauen.

Auch weitere soziale Unterstützer, etwa durch Besuchsdienste der Kirche oder Wohlfahrtsverbände, können entfernt lebende Angehörige entlasten. Ehrenämtler übernehmen zwar keine pflegerische Aufgaben, können aber durch Gespräche und Spaziergänge einen wertvollen Beitrag leisten. Wer rechtzeitig so ein Netzwerk aufbaut und sich über die verschiedenen Hilfsangebote informiert, kann die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen und so die eigene Überforderung vermeiden.

4. Prävention

Pflegende auf Distanz sind in der Regel zwar nicht täglich präsent. Dennoch leisten viele auch Hilfe vor Ort. Hierbei ist es wichtig, nicht nur die psychischen, sondern auch physischen Grenzen zu kennen beziehungsweise zu beachten. Ein häufiges Problem: falsches Heben. Pflegende Angehörige tragen mitunter schwere Gegenstände, heben ihren pflegebedürftigen Verwandten, waschen oder lagern ihn. Diese diversen Tätigkeiten belasten vor allem Nacken und Schultern.

Die Folge: Verspannungen, Kopfschmerzen oder gar Schwindel. Um solche Beschwerden vorzubeugen, bieten die Pflegekassen kostenlose Pflegekurse. Hier lernen Pflegende in Rückenschulen, wie sie Rückenschmerzen vermeiden. Zusätzlich helfen Kurse zu Entspannungstechniken, die Muskulatur zu lockern und auch geistig zu entspannen. Daneben bieten zahlreiche Hilfsmittel Arbeitserleichterung, etwa ein höhenverstellbares Bett oder ein Wannenlift.

Vorsorgevollmacht für den Notfall

Der Gedanke ist vielen unangenehm. Dennoch ist ein Notfall nicht ausgeschlossen: Der Pflegebedürftige kann selbst keine Entscheidungen mehr treffen, der Pflegende ist nicht vor Ort. Für solche Situationen sollten eine Vorsorgevollmacht und eine Patientenverfügung existieren.

Diese Dokumente entlasten nicht nur die Pflegenden auf Distanz. Sondern sie stellen sicher, dass der Betroffene die Behandlung erfährt, die er sich wünscht. Wichtig: Damit im Notfall entsprechende Maßnahmen erfolgen können, sollten die Pflegenden wissen, an welchem Ort solche Unterlagen liegen.


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Was tun bei Überforderung in der Pflege?

Der Studie zufolge fühlen sich 38 Prozent aller Pflegenden in ihrer Arbeit nicht wertgeschätzt. Sie zerreiben sich teilweise zwischen eigener Familie, pflegebedürftigen Eltern und Beruf. Gleichzeitig können sie es niemanden recht machen. Wenig überraschend, wenn sich Pflegende irgendwann überfordert fühlen. Um Überforderung abzubauen und vorzubeugen, empfehlen wir folgende Tipps:

  • Sozialkontakte pflegen
    Konzentrieren Sie sich in Ihrem Alltag nicht nur auf die Pflege, sondern sorgen Sie dafür, dass auch Ihr eigenes Freundes– und Familienleben nicht zu kurz kommt.
  • Auszeiten nehmen
    Beantragen Sie selbst bei Bedarf eine Reha-Maßnahme oder eine Kur. Diese Auszeit hilft Ihnen, wieder neue Kräfte zu finden.
  • Hilfe suchen
    Nehmen Sie psychologische Unterstützung in Anspruch. Die Beratung eines Therapeuten oder Seelsorgers hilft Ihnen, aus dem Gedankenkarussell auszubrechen und die Perspektive zu wechseln. Auch Selbsthilfegruppen sind hier hilfreich.
  • Familie einbinden
    Reden Sie mit anderen Familienmitgliedern und bitten Sie um Hilfe. Zudem ist es keine Schande, wenn Sie sich mit der Situation überfordert fühlen und sich letztendlich doch für eine stationäre Pflege entscheiden.

Mobilität stellt Pflegende vor Herausforderungen

Wohnen die Eltern weiter entfernt und sind auf Hilfe angewiesen, stellt das ihre Kinder vor vielfältige Herausforderungen. In entlegenen Gebieten ist die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr schlecht. Ohne eigenes Auto sind die Pflegebedürftigen teilweise nicht zu erreichen. Auch der Zeitfaktor (Auto meist schneller) und Ausgaben für Benzin oder Tickets führen zu weiteren Belastungen. Aber nicht jeder Angehörige verfügt über ein Auto. Das erfordert zusätzliche Organisation mit Blick auf Fahrzeiten und Zugausfällen.

Perspektivisch wird die Bedeutung von Distance Caregiving steigen. Schon jetzt ist die Pflege auf Distanz kein Randphänomen mehr. Etwa 4,1 Millionen Menschen sind in Deutschland pflegebedürftig. Die Mehrheit davon – etwa 80 Prozent – wird zuhause von pflegenden Angehörigen versorgt. Bei der Pflege auf Distanz leisten die Distance Caregivers beispielsweise folgende Aufgaben:

  • Regelmäßige Anrufe zwecks Kontrolle
  • Behördengänge und Bankangelegenheiten
  • Begleitung zu Ärzten
  • Gespräche und Absprachen mit anderen Helfern
  • Beschaffung von Informationen
  • Hilfe im Haushalt und bei Einkäufen
  • Gespräche und Freizeitgestaltung
  • Persönliche Pflege

Innere Zerrissenheit bei Distance Caregivers

Pflege auf Distanz führt zu einem ständigen Spagat der Pflegenden zwischen Beruf, Pflege und eigenen Bedürfnissen. Letztere laufen irgendwann Gefahr, in den Hintergrund zu geraten. Damit ist aber keinem gedient – weder dem Pflegenden, noch dem Pflegebedürftigen. Distance Caregivers plagen häufig Schuldgefühle. An ihnen nagt das schlechte Gewissen, nicht genug zu tun. Und sie wissen, dass sie im Notfall nicht schnell genug vor Ort sein können.

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[Bildnachweis: Herbstlust.de]

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