Scham überwinden: Symptome, Arten & Tipps zum Umgang

Scham empfinden die meisten, wenn sie etwas Unpassendes gesagt oder getan haben. Dabei handelt es sich um eine ganz normale Reaktion unseres Körpers und unserer Psyche. Und diese hat eine wichtige Funktion. Gleichzeitig gibt es krankhafte Ausprägungen wie die traumatische Scham, die durch Erlebtes hervorgerufen wird und belastend ist. Wir erläutern hier die unterschiedlichen Arten von Scham, deren Symptome und Ursachen. Außerdem geben wir Tipps, wie Sie Scham überwinden können…

Scham überwinden: Symptome, Arten & Tipps zum Umgang

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Definition: Was ist Scham?

Scham ist ein unangenehmes Gefühl. Menschen empfinden es, wenn sie peinlich berührt sind. Beispielsweise haben sie sich unangemessen verhalten, einen Fehler begangen oder etwas Dummes gesagt. Sie fühlen sich dann dabei ertappt, bloßgestellt und hilflos. Menschen empfinden außerdem Scham, wenn sie von anderen beschämt wurden – durch Demütigung, Kränkung oder Gewalt. Häufig ist dieses Unbehagen äußerlich erkennbar. Das Bewusstsein darüber verstärkt das Schamgefühl.

In allen Fällen ist ihre Intimsphäre verletzt, Persönliches wird nach außen getragen. Allerdings können sich Menschen auch schämen, ohne dass es Zeugen ihres Missgeschicks gibt. Allein die Vorstellung reicht. Der Begriff leitet sich aus dem Althochdeutschen „scama“ ab, was soviel bedeutet wie Beschämung, Schande. Da (zumindest öffentliche) Nacktheit weitestgehend tabuisiert ist, steht Scham synonym auch für den Intimbereich. Weitere Synonyme sind Peinlichkeit, Schmach, Verlegenheit, Befangenheit oder Minderwertigkeitsgefühl.

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Wie entsteht Scham?

Bestimmte soziale Trigger lösen das Schamgefühl aus. Menschen schämen sich insbesondere dann, wenn etwas zutage tritt, das sie geheimhalten wollten. Dies muss nicht ausschließlich mit dem eigenen Verhalten zu tun haben. Viele Menschen empfinden auch Fremdscham, wenn andere Personen entgegen den Konventionen handeln. Die Identifikation mit ihnen nimmt dann durch die Scham stark zu. Mögliche Ursachen sind:

  • Externe Erwartungen, die wir nicht erfüllen
  • Eigene Entscheidungen, die wir im Nachhinein bereuen
  • Kritik, die andere an uns übten
  • Fehler und Lügen, die andere aufgedeckt haben
  • Ungewohnte Aufmerksamkeit, auch bei positiven Anlässen wie zum Beispiel einer Ansprache
  • Überschreitung gesellschaftlicher Normen und Grenzen
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3 Arten von Scham

Beim Schamgefühl lassen sich verschiedene Arten unterscheiden:

Körperscham

Dieses Schamgefühl ist besonders bei Frauen verbreitet und kulturell unterschiedlich ausgeprägt. Allen Ausprägungen gemeinsam ist, dass die Frau sich für ihr Äußeres zu schämen hat, sobald es von gesellschaftlichen Normen abweicht. Das kann sich beispielsweise auf „unzüchtige“ Kleidung („zu kurzer Rock“) beziehen und bis zur kompletten Verschleierung gehen. Ebenfalls betrifft es die Sexualität der Frau (Slutshaming bei „zu vielen“ Sexualkontakten) oder ihre Figur, sofern die vom gängigen Schönheitsideal abweicht (Bodyshaming). Gesamtgesellschaftlich empfinden Menschen Körperscham bei Nacktheit oder Behinderung, aber auch Falten und Älterwerden rufen das Gefühl hervor.

Identitätsscham

Diese Emotion entsteht, wenn Selbst- und Fremdbild nicht übereinstimmen. Menschen brauchen Liebe und Wertschätzung. Bleiben beide Bedürfnisse verwehrt, kann das eine Person in eine Krise stürzen: Offenbar ist sie es „nicht wert“, dass man ihr Liebe und Anerkennung entgegenbringt. Somit stuft sie ihre Bedürfnisse als unrechtmäßig ein, was gleichzeitig Scham auslöst. Ein typisches Beispiel für Identitätsscham sind weinende Männer. Oft als Zeichen der Schwäche interpretiert, gestehen viele Männern keine öffentlichen Gefühlsäußerungen zu. Daher kann das bei Männern leicht Schamgefühle bewirken.

Statusscham

Ein bestimmter Status kann uns Respekt und Anerkennung durch andere sichern. Das ist wichtig fürs Selbstwertgefühl. Genau das leidet aber, wenn jemand seinen Status verliert. Beispiele für Statusverlust sind geringe berufliche Positionen, nachlassende Bedeutung in bestimmten Funktionen sowie Arbeitslosigkeit. Diese Umstände können Statusscham bewirken – etwa wenn der Mann nicht mehr der Alleinverdiener in der Familie ist.

Fremdscham bei Regelverstößen anderer

Menschen schämen sich zudem nicht nur für eigene Fehltritte, sondern auch für die anderer. Als Phänomen länger bekannt, gelangte die Bezeichnung „Fremdscham“ beziehungsweise das Verb „(sich) fremdschämen“ erst vor gut einem Jahrzehnt in den Duden. Eine breitere Masse der Bevölkerung konnte durch sogenannte Reality Shows (oder auch Scripted Reality) Menschen beobachten, die durch nicht regelkonformes Verhalten auffielen.

Wer sich für andere stellvertretend schämt, signalisiert: Hier hat jemand gegen eine soziale Norm verstoßen. Dabei ist unerheblich, ob die beobachtete Person sich selbst ebenfalls für ihr Verhalten schämt oder nicht. In Studien mit Probanden konnten Psychologen mithilfe der funktionalen Magnetresonanztomografie nachweisen, dass dieselben Hirnreale aktiv sind wie wenn man Schmerzen anderer nachempfindet. Besonders bei Frauen ist das Mitgefühl stark ausgeprägt.


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Typische Symptome bei Verlegenheit

Die Symptome bei Scham sind universell: Das Blut schießt in den Kopf, den betroffenen Personen wird warm und das Gesicht nimmt die typische Schamesröte an. Zudem wird der Blick gesenkt und die Schultern fallen nach vorne. Wer sich schämt, macht sich mit der Körpersprache klein, versucht unsichtbar zu werden und nicht aufzufallen. Schwitzen, Herzrasen, Stottern sowie verlegenes Lachen können die Folgen sein. Betrachtet man die körperlichen Vorgänge im Gehirnscan, so sind beim Schämen dieselben Gehirnregionen aktiv wie wenn wir um unser Leben fürchten müssten.

Schuld daran ist ein untypisches Zusammenspiel des vegetativen Nervensystems. Das besteht einerseits aus dem Sympathikus, der den Körper in erhöhte Leistungsbereitschaft versetzt. Besonders bei Stress erhöht er Puls und Blutdruck, der Glukosespiegel steigt. Andererseits ist der Parasympathikus für die Entspannung nach dem Stress zuständig: Puls, Blutdruck und Glukosespiegel fallen wieder. Schämen wir uns, sind beide Nervensysteme gleichzeitig aktiv.

Erröten hat Vorteile

Auch wenn die Betroffenen solche Momente unangenehm empfinden: Untersuchungen zufolge sind diese sichtbaren Zeichen des Schamgefühls vorteilhaft. Probanden betrachteten Personen in peinlichen Situationen. Zeigten die Betroffenen Anzeichen der Scham – etwa typische Gesichtsröte – wurden sie gnädiger beurteilt als solche, die gefühllos wirkten.

Funktion von Scham

Scham hat zweierlei Auswirkungen: Sie wahrt und reflektiert die eigene Persönlichkeit und führt zu sozialer Anpassung. Damit dient Scham als gesellschaftliches Korrektiv. Sie ist eine Stressreaktion des Körpers, wenn man sich zum Beispiel bei etwas ertappt fühlt, das nicht den Konventionen entspricht. Um diese Stressreaktion zu vermeiden, passen viele Menschen entsprechend ihr Verhalten an. So betrachtet ist sie sehr nützlich, da sie verhindert, dass wir aus der Gemeinschaft mit anderen ausgestoßen werden.


5 Tipps, wie Sie Ihre Scham überwinden

Sich zu schämen, ist nicht per se schlimm. Trotzdem kämpfen einige Menschen mit übermäßig starkem Schamgefühl – manche schämen sich für nahezu alles. Wir haben deshalb einige Tipps, wie Sie Ihre Scham überwinden können:

1. Gehen Sie offen damit um

Auch wenn es schwer fällt: Thematisieren Sie Ihre eigene Scham. Reden Sie mit ihren Freunden oder der Familie, wenn Sie sich schämen. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Scham macht es Ihnen zukünftig leichter, damit umzugehen.

2. Reflektieren Sie Ihr Selbstwertgefühl

Häufig dominiert das Gefühl, nicht zu genügen. Übergroßer Perfektionismus fördert Schüchternheit und ein geringes Selbstwertgefühl. Arbeiten Sie deshalb gezielt an Ihrem Selbstvertrauen. Machen Sie sich bewusst, was Sie können und welche Stärken Sie besitzen. Dies kann auch im vertrauensvollen Gespräch mit Partner, Freunden oder Familie geschehen.

3. Wechseln Sie die Perspektive

Sehen Sie die beschämende Situation mit den Augen der anderen. Oftmals sieht ihr Gegenüber in der Situation überhaupt kein Problem – zumindest nicht langfristig. Zudem ist Scham ein völlig normale Regung. Wer dies versteht und verinnerlicht, kann sie leichter und schneller überwinden.

4. Lernen Sie aus Fehlern

Ist Ihnen ein dummer Fehler unterlaufen? Kann passieren. Lernen Sie fürs nächste Mal daraus: Jetzt wissen Sie, dass etwas ungeeignet für Ihre Pläne ist. Indem Sie die potenzielle Fehlerquelle beheben, minimieren Sie das Risiko für erneutes Schamgefühl.

5. Lachen Sie über sich

Wer über sich selbst lachen kann, wirkt auf andere sympathisch, souverän und entwaffnend ehrlich. Wenn Sie sich für eine peinliche Situation schämen, lachen Sie einfach selbst darüber. Die Selbstironie löst die Spannung und sorgt dafür, dass Sie sich sofort besser fühlen. Auf diese Weise stärken Sie auch Ihre Resilienz.

Psychologie: Herkunft des Schamgefühls

Nur Menschen empfinden Scham. Die Psychologie geht davon aus, dass das menschliche Schamgefühl angeboren ist oder zumindest sehr früh im Leben erlernt (etwa mit ein, zwei Jahren) wird. Beispielsweise schämen sich Kinder bei Ärger oder Ekel der Eltern auf ihr Verhalten. Wofür und wie stark sich jemand schämt, ist jedoch unterschiedlich. Sowohl Sozialisation, Erfahrungen und Persönlichkeit nehmen Einfluss. Meist steckt hinter Scham ein bestimmtes Bedürfnis. So zum Beispiel das Bedürfnis nach Unverletzlichkeit, nach Beschwichtigung oder nach Verzeihen.

Traumatische Scham

Traumatische Erfahrungen und wiederholte Schamerlebnisse können traumatische Scham auslösen. Die Betroffenen entwickeln ein chronisches Schamgefühl. Gleichzeitig ist die ursprüngliche Funktion, nämlich die eigenen Grenzen zu schützen, nicht mehr gewährleistet. Das führt dazu, dass die Betroffenen sich in ihrer Existenz bedroht fühlen. Das schränkt Lebensfreude und Beziehungsfähigkeit merklich ein. Wichtig daher, dass Opfer von traumatischen Erlebnissen sich therapeutische Hilfe suchen. Andernfalls können Depressionen die Folge sein.

Scham in der Pflege

Scham schützt uns und unsere Intimsphäre – gerade in ungewohnten Situationen. Gleichzeitig ist es in bestimmten Situationen wichtig, das Schamgefühl zu überwinden. Dies ist insbesondere in der Pflege von Bedeutung. Menschen, die ihre Körperpflege seit der Kindheit selbst erledigt haben, können dies nun mitunter nicht mehr und benötigen Hilfe. Dies betrifft gleich drei Bereiche:

  • Hilflosigkeit
    Bei vermeintlich selbstverständlichen Handlungen sind wir hilflos. Menschliche Grundbedürfnisse können wir nicht mehr eigenständig erledigen. Dies macht uns verwundbar.
  • Nacktheit
    Nacktheit ist in vielen Gesellschaften ein Tabu. Unseren Körper zeigen wir freiwillig meist nur Menschen, die wir sehr lieben – unseren Partnern. Schon das Ausziehen beim Arzt ist für viele Menschen äußerst unangenehm. In der Pflege ist dies sogar oft noch extremer.
  • Alter
    Alt zu sein, gilt leider oft als Makel: Die Haut faltig und schlaff statt straff und knackig. Das erlernte Schönheitsideal von Jugend und Frische lässt viele defizitär auf ihren Körper blicken. Auch wenn es rational unsinnig ist, können viele diesem Gefühl nicht entkommen.

Gute Pflegekräfte sind in diesen Punkten geschult und gehen sensibel mit Scham um. Pflegende Angehörige jedoch haben dies nicht gelernt und fühlen sich hier unsicher. Tipp: Sprechen Sie offen und ehrlich über Ihre Bedenken als Angehöriger. Dies kann für die pflegebedürftige Person erleichternd sein.

Schamgefühl der Pflegekräfte

Auch professionelle Pflegekräfte sind immer wieder gefordert. Sie müssen nicht nur mit dem Schamgefühl des Patienten umgehen, sondern oftmals ihre eigene Scham überwinden. Einerseits, wenn sie mit der Nacktheit oder Körperausscheidungen des Patienten konfrontiert werden. Hier bedarf es zusätzlich geeigneter Strategien, um den Ekel zu bewältigen.

Andererseits kommen oft erschwerende Arbeitsbedingungen dazu. Sie machen eine angemessene Pflege oft schwierig bis unmöglich. Nicht selten schämen sich Pflegekräfte, weil sie den Betroffenen nicht die Zeit und Zuwendung zukommen lassen können, die erforderlich wäre.

Krankhafte Scham: Wenn die Gesundheit leidet

Die meisten Menschen versuchen, das Gefühl der Scham zu vermeiden und zu umgehen. Dies ist erstmal völlig normal. Problematisch ist jedoch, wenn jemand aus Scham wichtige Arztbesuche nicht mehr wahrnimmt. Damit sind insbesondere Vorsorgeuntersuchungen gemeint.

Häufig führt dies zu Schuldgefühlen, die sich wiederum auf unsere Seele auswirken. Neben der Ungewissheit über den eigenen Gesundheitszustand belasten diese Schuldgefühle zusätzlich unsere Psyche. Daher sollten Sie dem Schamgefühl nicht zu sehr nachgeben. Es gilt vielmehr, sich damit auseinanderzusetzen und sich dem zu stellen.

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[Bildnachweis: Tartila by Shutterstock.com]

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