Scham: Ursachen und Tipps zur Überwindung

Scham ist ein Tabuthema. Dabei handelt es sich dabei um eine ganz normale Reaktion unseres Körpers und unserer Psyche. Wenn wir Scham haben, empfinden wir etwas als unpassend. Scham und Ekel sind dabei eng miteinander verbunden und oft zwei Seiten der gleichen Medaille. Beispiele sind insbesondere in der Pflege zu finden. Was die Ursachen von Scham sind und wie Sie damit am besten umgehen können, erläutern wir Ihnen hier.

Scham: Ursachen und Tipps zur Überwindung

Definition Scham: Frau und Mann gleichermaßen betroffen

Scham empfinden Menschen immer, wenn sie peinlich berührt sind. Sie fühlen sich dann meist bloßgestellt und hilflos. Ihre Intimsphäre ist verletzt, Persönliches wird nach außen getragen.

Dabei gibt es zwei Auswirkungen von Scham: Sie wahrt und reflektiert die eigene Persönlichkeit und führt zu sozialer Anpassung. Damit dient Scham auch als gesellschaftliches Korrektiv. Sie ist eine Stressreaktion des Körpers, wenn man sich zum Beispiel bei etwas ertappt fühlt, das nicht den Konventionen entspricht. Um diese Stressreaktion zu vermeiden, passen viele Menschen entsprechend ihr Verhalten an.

Entgegen einem weit verbreiteten Glauben sind Frauen im Übrigen nicht öfter von Scham betroffen. Frau und Mann empfinden etwa gleich häufig Scham. Aufgrund des gesellschaftlichen Bildes und der Erziehung versuchen viele Männer diese Emotion jedoch meist zu verbergen.

So entsteht Scham

Scham ist eine Emotion. Sie wird durch bestimmte soziale Trigger ausgelöst. Insbesondere wenn Menschen etwas nicht öffentlich machen möchten, dies aber dennoch ans Licht kommt, entsteht das Gefühl von Scham.

Dies muss nicht ausschließlich mit dem eigenen Verhalten zu tun haben. Viele Menschen empfinden auch Fremdscham, wenn andere Personen entgegen den Konventionen handeln. Die Identifikation mit ihnen nimmt dann durch die Scham stark zu.

Doch nicht nur vom Verhalten ist die Scham abhängig. Viele schämen sich auch aufgrund ihres Körpers wenn dieser nicht den medial transportierten Schönheitsidealen entspricht: das sogenannte Bodyshaming.

Egal zu welchem Anlass: Die Reaktionen bei Scham sind immer ähnlich. Das Blut schießt in den Kopf, den betroffenen Personen wird warm und das Gesicht nimmt die typische Schamesröte an. Zudem wird der Blick gesenkt und die Schultern fallen nach vorne. Wer sich schämt, macht sich mit der Körpersprache klein, versucht unsichtbar zu werden und nicht aufzufallen.

Scham: Wortherkunft und Synonym

Der Begriff der Scham kommt aus dem Althochdeutschen. Das Wort „Scama“ war damals gleich bedeutend mit „Schande“. Dieser Begriff wiederum hat seine Wortherkunft im Indogermanischen. Dort bedeutet „cam“ soviel wie „zudecken“ oder „verschleiern“.

Als Synonym werden in der deutschen Sprache oft folgende Begriffe verwendet:

  • Peinlichkeit
  • Schmach
  • Verlegenheit
  • Befangenheit
  • Kränkung
  • Schüchternheit
  • Minderwertigkeitsgefühl

Scham: Psychologie

In der Psychologie geht man davon aus, dass die Fähigkeit, Scham zu empfinden, angeboren ist oder zumindest sehr früh im Leben erlernt wird. Kinder können sich schon sehr früh schämen. So entsteht Schamgefühl als Reaktion auf Ärger oder auch Ekel der Eltern auf Verhalten des Kindes.

Wofür genau sich jemand schämt – und in welchem Ausmaß – ist jedoch individuell sehr unterschiedlich und wird durch Erfahrungen sowie die Persönlichkeit geprägt.

Meist steckt hinter Scham ein bestimmtes Bedürfnis. So zum Beispiel das Bedürfnis nach Unverletzlichkeit, nach Beschwichtigung oder nach Verzeihen.

Scham: Ursachen sind vielfältig

Es gilt als wissenschaftlich erwiesen, dass nur der Mensch Scham haben kann. Menschen empfinden dieses Gefühl, wenn sie meinen, von den Normen und Werten in einer Gesellschaft negativ abzuweichen und dafür der Lächerlichkeit preisgegeben werden. In der westlichen Kultur ist Nacktheit ein häufiger Auslöser von Scham. Hier kommen dabei gleich zwei Auslöser zusammen: Eine Bloßstellung großer Intimität und die Angst, dass der eigene Körper nicht schön genug ist.

Weitere Ursachen, die zu Scham führen können, sind:

  • Externe Erwartungen, die wir nicht erfüllen
  • Eigene Entscheidungen, die wir im Nachhinein bereuen
  • Kritik, die an uns geübt wurde
  • Fehler und Lügen, die von anderen aufgedeckt wurden
  • Ungewohnte Aufmerksamkeit, auch bei positiven Anlässen wie zum Beispiel einer Ansprache
  • Überschreitung gesellschaftlicher Normen und Grenzen

Traumatische Scham

Wiederholen sich bestimmte Schamerlebnisse oder sind sehr tiefgreifend, kann sich daraus ein chronisches Schamgefühl entwickeln – die traumatische Scham.

Wer darunter leidet, fühlt sich immer wieder oder gar ununterbrochen in seiner Existenz bedroht. Ob dies objektiv tatsächlich der Fall ist, spielt für die Betroffenen keine Rolle. Ihre Lebensfreude und auch die Beziehungsfähigkeit ist durch die Scham merklich eingeschränkt.

Traumatische Scham muss psychotherapeutisch behandelt werden. Andernfalls kann sie zu einer Depression führen. Denn der Körper befindet sich in einem dauerhaften Stresszustand für den er nicht gemacht ist. Dies kann das Gefühl der andauernden Ohnmacht oder gar Todesangst zur Folge haben.

Scham überwinden: Das hilft

Wie erwähnt, ist Scham ein völlig normales Gefühl und per se nicht schlimm. Im Gegenteil: Manchmal ist Scham sogar notwendig. Viele Menschen haben trotzdem damit zu kämpfen – manche schämen sich sogar für fast alles. Wollen Sie Ihre Scham überwinden, haben wir deshalb einige Tipps, die dabei helfen können:

  • Gehen Sie offen mit Ihrer Scham um
    Auch wenn es schwer fällt: Thematisieren Sie Ihre eigene Scham. Reden Sie mit ihren Freunden oder der Familie wenn Sie sich schämen. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Scham macht es Ihnen zukünftig leichter, damit umzugehen.
  • Reflektieren Sie Ihr Selbstwertgefühl
    Scham wird oft hervorgerufen durch das Gefühl, nicht zu genügen. Dies führt zu Schüchternheit und einem geringen Selbstwertgefühl. Arbeiten Sie deshalb gezielt an Ihrem Selbstvertrauen. Machen Sie sich bewusst, was Sie können und welche Stärken Sie besitzen. Dies kann auch im vertrauensvollen Gespräch mit Partner, Freunden oder Familie geschehen.
  • Wechseln Sie die Perspektive
    Sehen Sie die beschämende Situation mit den Augen der anderen. Oftmals sieht ihr Gegenüber in der Situation überhaupt kein Problem – zumindest nicht langfristig. Zudem ist Scham ein völlig normale Regung. Wer dies versteht und verinnerlicht, kann sie leichter und schneller überwinden.
  • Lachen Sie über sich
    Wer über sich selbst lachen kann, wirkt auf andere sympathisch, souverän und entwaffnend ehrlich. Wenn Sie sich für eine peinliche Situation schämen, lachen Sie einfach selbst darüber. Die Selbstironie löst die Spannung und sorgt dafür, dass Sie sich sofort besser fühlen. Auf diese Weise stärken Sie auch Ihre Resilienz.

Scham in der Pflege

Scham schützt uns und unsere Intimsphäre – gerade in ungewohnten Situationen. Dies ist insbesondere in der Pflege von Bedeutung.

Menschen, die bislang die Körperpflege seit der Kindheit selbst erledigt haben, können dies nun mitunter nicht mehr und benötigen Hilfe. Dies betrifft gleich drei Bereiche:

  • Wir sind hilflos
    Bei vermeintlich selbstverständlichen Handlungen sind wir hilflos. Menschliche Grundbedürfnisse können wir nicht mehr eigenständig erledigen. Dies macht uns verwundbar.
  • Wir sind nackt
    Nacktheit ist in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabu. Unseren Körper zeigen wir freiwillig meist nur Menschen, die wir sehr lieben – unseren Partnern. Schon das Ausziehen beim Arzt ist für viele Menschen äußerst unangenehm. In der Pflege ist dies sogar oft noch extremer.
  • Wir sind alt
    Alt zu sein, gilt leider vielerorts noch immer als Makel. Unser Körper ist nicht mehr perfekt – was immer dies auch sein mag. Dieses erlernte Schönheitsideal von Jugend und Frische schlägt nun voll durch: Wir fühlen uns nicht mehr der Gesellschaft zugehörig und unnütz. Zwar wissen wir rational, dass dies Blödsinn ist. Dennoch können wir diesem Gefühl oft nicht entkommen.

Gute Pflegekräfte sind meist genau in diesen Punkten geschult und gehen sensibel mit Scham um. Pflegende Angehörige jedoch haben dies nicht gelernt und fühlen sich hier unsicher.

Daher der Tipp: Darüber zu schweigen macht die Scham nicht geringer. Sprechen Sie offen und ehrlich über Ihre Bedenken als Angehöriger. Dies kann für die pflegebedürftige Person erleichternd sein.

Wenn Scham der Gesundheit schadet

Die meisten Menschen versuchen, das Gefühl der Scham zu vermeiden und zu umgehen. Dies ist erstmal völlig normal. Problematisch wird es jedoch, wenn aus Scham wichtige Arztbesuche nicht wahrgenommen werden. Damit sind insbesondere Vorsorgeuntersuchungen gemeint.

Häufig führt dies zu Schuldgefühlen, die sich wiederum auf unsere Seele auswirken. Neben der Ungewissheit, ob der eigene Körper womöglich von einer gefährlichen Krankheit befallen ist, die sich mit der Zeit weiter verschlimmert, belasten diese Schuldgefühle zusätzlich unsere Psyche.

Daher sollte die Scham nicht verdrängt werden. Es gilt vielmehr, sich mit ihr auseinander zu setzen und sich ihr zu stellen.

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[Bildnachweis: fizkes by Shutterstock.com]
26. März 2021 Redaktion Icon Autor: Herbstlust Redaktion

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