Tauschringe: Nachbarschaftshilfe für jeden

Tauschringe sind gelebte Nachbarschaftshilfe. Lokal und sozial, bilden sie einen Gegenpol zur normalen Geldwirtschaft. Kleinere Gefälligkeiten werden ohne bürokratischen Aufwand erledigt. Dabei kommt es nicht nur zum Austausch von Leistungen. Vielmehr tauschen sich die Mitglieder auch untereinander aus. Was in Großstädten zu kurz kommt, erwacht durch Tauschkreise wieder zu neuem Leben. Welche Vorteile Tauschringe bieten und wie sie funktionieren…

Tauschringe: Nachbarschaftshilfe für jeden

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Bedeutung: Was sind Tauschringe?

Tauschringe sind Netzwerke, in denen die Mitglieder untereinander überwiegend Dienstleistungen, manchmal auch Gegenstände tauschen. Synonyme Begriffe für Tauschring sind beispielsweise Tauschkreis, Verrechnungsring, Kooperationsring, Zeitbörse, Nachbarschaftsbörse, Gib und Nimm, Tauschnetz oder Tauschsystem. Sie alle basieren auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit und verstehen sich als Nachbarschaftshilfe.

Erste Vorläufer gab es bereits vor 200 Jahren. Theoretischer Hintergrund der Tauschringe ist die Kritik an sozialer Ungleichheit. Denn häufig wird diese durch die klassische Geldwirtschaft verstärkt: Wer viel Geld hat, kann es leichter horten, gewinnt durch Zinsen oder Geldgeschäfte oft sogar noch mehr. Dabei hat das Papier an sich keinen Wert. Und kommt das Geld nicht in den Umlauf, können nicht alle daran partizipieren.

Geld spielt (k)eine Rolle

Die Tauschgeschäfte funktionieren bargeldlos. Grundannahme ist, dass jeder Mensch über bestimmte Fähigkeiten und Talente verfügt. Daher gibt es auch immer eine Nachfrage nach bestimmten Leistungen. Diese werden in Zeit oder einer vereinsinternen Währung vergütet, die auf dem Mitgliedskonto erscheint. Zeit-N ist beispielsweise eine Initiative, die Leistung mit Zeitaufwand vergütet. Hintergrund ist der Gedanke, dass man ehrenamtliches Engagement mit eigenen Bedürfnissen verbinden will. Jeder benötigt mal Hilfe und dann ist es schön, jemanden zu finden.

Egal ob die Vergütung mit Zeit oder einer anderen Währung erfolgt: Die vereinsinterne Währung existiert nicht als gedrucktes Geld, sondern dient lediglich als Maßeinheit für die Konten. Meist orientiert sich die Vereinswährung an der Landeswährung. Einige Tauschringe (zum Beispiel Lowi in Münster) rechnen in „Talenten“, andere (zum Beispiel Oecher Talente in Aachen) in „Klümpchen“: 1 Euro entspricht 2 Talenten beziehungsweise Klümpchen. Der übliche Stundenlohn liegt bei etwa 20 Talenten/Klümpchen.

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Wie funktioniert ein Tauschring?

Tauschringe sind sozial orientiert. Sich gegenseitig zu helfen und zu unterstützen, ist ein großes Anliegen. Beispielsweise kann es sein, dass ein Mitglied A liebend gerne backt und Hilfe im Haushalt benötigt. Ein anderes Mitglied B bietet idealerweise Hilfe im Haushalt an und mag zufällig sehr gerne Kuchen. Die beiden kommen heutzutage meist über eine Plattform zusammen. Dort hat jeder zuvor seine Suche beziehungsweise sein Angebot inseriert. Konkret kann es so aussehen, dass Mitglied B eine Stunde lang Fenster putzt und dafür im Gegenzug einen Kuchen nach Wunsch erhält.

Grundsätzlich lässt sich alles tauschen: Häufig orientieren sich die Tauschgeschäfte an beruflichen Fähigkeiten, aber nicht nur. Hobbys, Betreuung, Kochen, Nähen – was immer Sie leisten können und mögen. Das bedeutet allerdings nicht, dass direkt getauscht werden muss. Vielmehr ist auch ein „Tausch über Ecken“ möglich. Das ist vor allem dann der Fall, wenn sich das Angebot der einen Person nicht mit der Suche einer anderen deckt. Je mehr Mitglieder ein Tauschring hat, desto lebendiger gestaltet sich der Tauschhandel. So zumindest das Ideal.

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Vorteile von Tauschkreisen

Tauschringe leben von dem Gedanken, dass jeder etwas kann, das gefragt ist. Aber nicht immer sind die Fähigkeiten bekannt. Viele kennen das Problem: Sie bräuchten Unterstützung in einem Bereich, eigentlich ein Klecks für jemanden mit entsprechender Ausstattung. Zum Beispiel müsste ein Regal angebracht werden. Leider besitzt die Person keine Bohrmaschine. Einen örtlichen Handwerker damit zu beauftragen, ist viel zu teuer und umständlich.

Die Anonymität in Großstädten leistet der Einsamkeit vieler Vorschub. Nicht jeder hat Kontakt zu seinen Nachbarn. In diese Lücke springen letztlich die Tauschringe. Nun muss nicht mehr der direkte Nachbar helfen, durch das Netzwerk kennt man ganz viele potenzielle „Nachbarn“. Und glücklicherweise findet sich dort jemanden, der Geräte verleiht. Oder auf Wunsch auch bei handwerklichen Dingen hilft. Die Vorteile im Überblick:

  • Hilfe
    Tauschringe bieten Hilfe auf Augenhöhe: Manch einem ist es vielleicht auch unangenehm, immer um Unterstützung bitten zu müssen. Jetzt können Sie mühelos Hilfe annehmen, denn Sie bieten etwas anderes an, was Sie gut können.
  • Solidarität
    Besonders Arbeitslose und ältere Menschen verfügen zum Teil über wenig finanzielle Mittel. Sie sind dadurch in ihren Möglichkeiten eingeschränkt. Der Tauschring hingegen eröffnet im Mikrokosmos wieder gesellschaftliche Teilhabe.
  • Gleichwertigkeit
    Nichts ist besser oder geringer: Alle Fähigkeiten werden gleich hoch geschätzt. Egal ob es um handwerkliche Tätigkeiten, Musikunterricht, Korrektur, Babysitting, Kellnern oder Kuchen backen geht.
  • Nachhaltigkeit
    Oft finden sich in diesen Netzwerken Tüftler und Hobby-Bastler. Vieles, was eine aufwendige (und kostspielige) Reparatur nicht lohnt, lässt sich so doch noch reparieren. Als Mitglied eines Tauschkreises können Sie nachhaltig leben.
  • Kontakt
    Egal ob Sie neu in einer Stadt sind oder aus anderen Gründen neue Freunde finden wollen: Tauschringe machen es möglich. Hier treffen sich Leute, die dieselben Werte vertreten und oft an anderen Menschen interessiert sind.

Nachteile von Tauschkreisen

In der Praxis kann es – abhängig von der Mitgliederstruktur – dann doch anders aussehen. Zwar besagt das Ideal, dass alle Tätigkeiten gleichwertig sind. Dennoch denken einige nach dem Angebot-und-Nachfrage-Prinzip. So dass plötzlich höhere Stundenlöhne verhandelt werden. Genau das steht eigentlich im Widerspruch dazu, dass Mitglieder keine Schulden anhäufen sollen – so wie exorbitante Gewinne auf der anderen Seite unerwünscht sind. Vielmehr sollen die Mitglieder ihre Tauschwährung immer für Tauschgeschäfte einsetzen. Das muss nicht unmittelbar erfolgen, aber nach Möglichkeit auch nicht Jahre später.

Zudem können das ewige Klein-klein und Vereinsmeierei den anfänglichen Elan bremsen. Wie bei jedem Verein leben auch Tauschringe von der Aktivität ihrer Mitglieder. Kritik gibt es zudem häufig mit Blick auf Schwarzarbeit: Nach rechtlicher Auffassung handelt es sich nicht um Nachbarschaftshilfe. Denn die Tauschpartner wohnen weder in direkter Nachbarschaft, noch sind sie miteinander verwandt. Entscheidend sind vielmehr zwei Kriterien, um nicht den Verdacht der Schwarzarbeit zu nähren: Es findet eine kurzfristige Gefälligkeit in geringem Umfang statt und beim Tauschpartner handelt es sich nicht um eine Firma mit Gewerbe.

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Tauschringe Deutschland: Online und offline

Deutschlandweit existieren über 300 Tauschringe. Zwar gibt es keinen Bundesverband, jedoch finden Bundestreffen statt. Mittlerweile sind die meisten Tauschringe online organisiert, zum Beispiel über die Open-Source-Bankensoftware Cyclos. Jedes Mitglied erhält ein Konto und nach erfolgter Registrierung Zugang dazu. Daneben veröffentlichen einige zudem Marktseiten, in denen die Mitglieder ihre Angebote beziehungsweise Nachfragen eintragen können. Adresslisten mit Telefonnummern ermöglichen die Kontaktaufnahme.

Tauschringe im ländlichen Raum sind eher selten. Hier existiert bereits ein gutes soziales Netz. Dennoch existieren in ganz Deutschland verschiedene Netzwerke. Das Portal Tauschringadressen.de bietet ein Verzeichnis aller Tauschringe, die sich registriert haben. HIER über diesen Link gelangen Sie dorthin und können nach Ihrer Postleitzahl suchen.

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[Bildnachweis: Herbstlust.de]

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