Vorgezogene Altersrente ohne Abschläge: Geht das?

Wer 45 Jahre lang gearbeitet hat, dem bietet sich unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit, eine vorgezogene Altersrente ohne Abschläge beantragen zu können.

Doch was zählt überhaupt als Beitragsjahr? Dazu gibt es immer wieder gerichtliche Auseinandersetzungen zwischen Versicherten und der Deutschen Rentenversicherung.

Wir schauen einmal genauer hin, wie Sie an eine vorgezogene Altersrente ohne Abschläge kommen und welche Möglichkeiten es außerdem gibt.

Vorgezogene Altersrente ohne Abschläge: Geht das?

Unter welchen Bedingungen kann ich eine vorgezogene Altersrente ohne Abschläge in Anspruch nehmen?

Wer früher in Rente gehen möchte, muss dies in der Regel bezahlen: Mit einem entsprechenden Abschlag von der Rentenzahlung. Für jeden Monat, den Sie vor dem eigentlichen Rententermin aus dem Arbeitsleben ausscheiden, erhalten Sie entsprechend weniger ausbezahlt. Momentan sind die 0,3 Prozent pro Monat des früheren Renteneintritts.

Doch keine Regel ohne Ausnahmen: Wer mindestens 45 Jahre gearbeitet hat, kann den Rentenbeginn vorverlegen. Zwar läuft die Regelung, bereits im Alter von 63 Jahren einen Rentenantrag erfolgreich stellen zu können, langsam aus und aber durch das sukzessiv ansteigende Renteneintrittsalter auf 67, ist es dennoch weiterhin möglich, sich vorzeitig in den Ruhestand zu verabschieden. Zwar nicht mehr durch die Rente mit 63, aber durchaus mit 65.

Doch wie gesagt: Die Voraussetzung dafür ist, 45 Arbeitsjahre vorweisen zu können. Sie sind zwar dann nicht verpflichtet, den Ruhestand vorzuziehen, müssen aber immerhin nicht mit Abschlägen rechnen, wenn Sie sich doch dafür entscheiden. Zu diesen 45 Beitragsjahren zählt im Übrigen nicht nur eine Beschäftigung im Angestelltenverhältnis, sondern auch folgende Jahre, in denen Sie in der gesetzlichen Rentenversicherung versichert waren:

  • Ausbildung
  • Wehr- beziehungsweise Zivildienst
  • Freiwilliges Soziales Jahr
  • Beschäftigung in einem Mini-Job
  • Berufliche Weiterbildung
  • Zeiten zur Kindererziehung bis zum zehnten Lebensjahr des Kindes
  • Zeiten zur Pflege von Familienangehörigen
  • Selbstständige Tätigkeit bei freiwilliger Zahlung von Pflichtbeiträgen zur Rentenversicherung
  • Zeiten des Bezugs von Krankengeld
  • Zeiten des Bezugs von Kurzarbeitergeld
  • Zeiten des Bezugs von Insolvenzgeld
  • Zeiten des Bezugs von Arbeitslosengeld I

Insbesondere die letzten beiden Punkte sind zuletzt interessant geworden. So klagte ein Versicherter vor dem Bayrischen Landessozialgericht gegen die Deutsche Rentenversicherung auf Anerkennung seiner letzten Beitragsjahre. Der Hintergrund war, dass er nach einer Insolvenz seines vormaligen Arbeitgebers in eine Transfergesellschaft übernommen wurde, im Anschluss Arbeitslosengeld I bezog und dann in den Vorruhestand gehen wollte.

Ziel solcher Transfergesellschaften ist es normalerweise, die Arbeitnehmer nicht sofort in die Arbeitslosigkeit fallen zu lassen, sondern sie in gewisser Weise abzufedern. Innerhalb einer bestimmten Zeitspanne (maximal zwölf Monate) ist der Beschäftige offiziell nicht arbeitslos, sondern erhält ein sogenanntes Transferkurzarbeitergeld, das von Seiten der Bundesagentur für Arbeit in etwa in der Größenordnung seines Anspruchs auf Arbeitslosengeld I liegt. Häufig sind auf Seiten des vorigen Unternehmens noch Mittel da, um das Transferkurzarbeitergeld auf bis zu hundert Prozent des vorigen Gehaltes aufzustocken. Zwar arbeitet der Beschäftige dabei nicht, erhält aber durch Coaching-, Weiterbildungs- und Trainingsmaßnahmen Unterstützung für seine Bewerbungsaktivitäten auf dem Arbeitsmarkt.

Da die Beschäftigung in einer Transfergesellschaft vor Renteneintritt offiziell bislang nicht detailliert in aller Konsequenz in den gesetzlichen Regelungen berücksichtigt wurde, weigerte sich die Deutsche Rentenversicherung im zu Grunde liegenden Fall, diese Zeit als Beitragsjahre anzurechnen. Doch das Bayerische Landessozialgericht entschied anders: In seinem Urteil vom 1.7.2020 (L 1 R 457/18, Vorinstanz: Sozialgericht Augsburg, Urteil v. 27.6.2018, S 13 R 888/15) kam es zu dem Schluss, dass diese Zeiten sehr wohl bei der Berechnung der Beitragsjahre zu berücksichtigen sind, auch wenn keine Beitragszahlungen erfolgten.

Zwar ist die Gründung einer Transfergesellschaft nicht mit einer vollständigen Geschäftsaufgabe durch eine Insolvenz gleich zu setzen, dennoch muss in jedem Fall diese Zeit mit einberechnet werden – selbst wenn aufgrund des Alters des Versicherten klar ist, dass es unrealistisch ist, noch einmal eine neue, versicherungspflichtige Arbeitsstelle zu finden, sondern der Ablauf lediglich lautet: Transfergesellschaft, Arbeitslosengeld I, Vorzeitiger Rentenbeginn.

Wie läuft das normalerweise mit der Rente?

Für den Renteneintritt gibt verschiedene Möglichkeiten: Manche möchten so früh sich wie möglich in den Ruhestand verabschieden, andere würden gerne bis 70 arbeiten – oder vielleicht sogar noch länger. Daher haben wir einmal zusammengefasst, wie das mit dem Rentenbeginn läuft und welche Zeiten es dafür gibt.

Der reguläre Renteneintritt

Die Rente mit 67 wird bald für alle Realität sein. Viele Arbeitnehmer, die bei Berufseintritt noch davon ausgingen, im Alter von 65 oder früher in Rente gehen zu können, müssen bis 67 tätig sein. Wann jeder in der Ruhestand gehen kann, hängt vom Geburtsjahr ab:

  • Jahrgang 1947: Renteneintrittsalter: 65 Jahre und 1 Monat
  • Jahrgang 1948: Renteneintrittsalter: 65 Jahre und 2 Monate
  • Jahrgang 1949: Renteneintrittsalter: 65 Jahre und 3 Monate
  • Jahrgang 1950: Renteneintrittsalter: 65 Jahre und 4 Monate
  • Jahrgang 1951: Renteneintrittsalter: 65 Jahre und 5 Monate
  • Jahrgang 1952: Renteneintrittsalter: 65 Jahre und 6 Monate
  • Jahrgang 1953: Renteneintrittsalter: 65 Jahre und 7 Monate
  • Jahrgang 1954: Renteneintrittsalter: 65 Jahre und 8 Monate
  • Jahrgang 1955: Renteneintrittsalter: 65 Jahre und 9 Monate
  • Jahrgang 1956: Renteneintrittsalter: 65 Jahre und 10 Monate
  • Jahrgang 1957: Renteneintrittsalter: 65 Jahre und 11 Monate
  • Jahrgang 1958: Renteneintrittsalter: 66 Jahre
  • Jahrgang 1959: Renteneintrittsalter: 66 Jahre und 2 Monate
  • Jahrgang 1960: Renteneintrittsalter: 66 Jahre und 4 Monate
  • Jahrgang 1961: Renteneintrittsalter: 66 Jahre und 6 Monate
  • Jahrgang 1962: Renteneintrittsalter: 66 Jahre und 8 Monate
  • Jahrgang 1963: Renteneintrittsalter: 66 Jahre und 10 Monate
  • Jahrgang 1964: Renteneintrittsalter: 67 Jahre

Bis zum Jahr 2023 erhöht sich das Renteneintrittsalter also um einen Monat pro Jahrgang. Um zwei Monate wird das Renteneintrittsalter dann ab 2024 erhöht.

Die vorgezogene Altersrente ohne Abschläge

Wie bereits erwähnt, können Arbeitnehmer, die mindestens 45 Beitragsjahre aufweisen können, früher in Rente gehen. Wann das genau ist, auch darüber gibt das Geburtsjahr Aufschluss:

  • Jahrgang 1957: frühestmöglicher Renteneintritt mit 63 Jahren und 10 Monaten
  • Jahrgang 1958: frühestmöglicher Renteneintritt mit 64 Jahren
  • Jahrgang 1959: frühestmöglicher Renteneintritt mit 64 Jahren und 2 Monaten
  • Jahrgang 1960: frühestmöglicher Renteneintritt mit 64 Jahren und 4 Monaten
  • Jahrgang 1961: frühestmöglicher Renteneintritt mit 64 Jahren und 6 Monaten
  • Jahrgang 1962: frühestmöglicher Renteneintritt mit 64 Jahren und 8 Monaten
  • Jahrgang 1963: frühestmöglicher Renteneintritt mit 64 Jahren und 10 Monaten
  • Jahrgang 1964: frühestmöglicher Renteneintritt mit 65 Jahren

Wer die 45 Beitragsjahre nicht erreicht hat, aber erwerbsgemindert (mindestens fünfzig Prozent) beziehungsweise -unfähig ist (zum Beispiel durch eine Schwerbehinderung), kann bereits nach 35 Beitragsjahren eine vorgezogene Altersrente ohne Abschläge beantragen.

Gleiches gilt für Arbeitnehmer in besonders verantwortungsvollen oder körperlich anstrengenden Berufsfeldern wie dem Straßen- oder Bergbau oder aber beispielsweise auch für Piloten.

Vorruhestand mit Abschlägen

Für wen die obigen Voraussetzungen nicht zutreffen, der kann ebenfalls je nach Geburtsjahr (siehe oben) früher in Rente gehen. Allerdings werden dann saftige Abschläge fällig. 0,3 Prozent pro Monat klingen zwar auf den ersten Blick wenig, doch das ganze summiert sich: Bei einem vorgezogenen Ruhestand von zwei Jahren sind das immerhin 7,2 Prozent. Oder anhand eines konkreten Beispiels ausgedrückt: Bei einem Rentenanspruch von 2.000 Euro sind dies stolze 144 Euro pro Monat weniger – lebenslang.

Diese Abschläge lassen sich jedoch mit freiwilligen Zahlungen abfedern oder komplett ausgleichen. Wie hoch diese Zahlungen sein müssen, diese Rechnung ist individuell unterschiedlich. Hängt sie doch mit Ihrer persönlichen Situation, Ihrem Rentenanspruch, Ihren Versichertenjahren und Ihrem Gehalt zusammen.

Bei einem Beratungsgespräch hilft Ihnen der Sachbearbeiter der Deutschen Rentenversicherung gerne. Die notwendigen Informationen dazu können Sie direkt unter der kostenlosen Hotline 0800 1000 4800 einholen. Dort können Sie auch eine Terminvereinbarung mit einem Mitarbeiter vor Ort oder online treffen.

Flexible Möglichkeiten

Zu den genannten Möglichkeiten, gibt es auch noch Modelle, mit denen Sie eine individuelle Regelung für Ihren Vorruhestand anstreben können. So können Sie zum Beispiel mit Ihrem Arbeitgeber bestimmte Vereinbarungen treffen, um den Eintritt in den Ruhestand flexibler zu gestalten:

  • Reduzierung der Arbeitszeit (Altersteilzeit)
  • Vorruhestand durch ein Lebensarbeitszeitkonto
  • Flexirente, also Hinzuverdienst nach dem Renteneintritt

Auch hier empfiehlt es sich jedoch, mit Ihrem Sachbearbeiter der Rentenversicherung frühzeitig einen Termin zu vereinbaren, um zu überlegen, welche dieser Möglichkeiten für Ihre konkrete Situation unter Umständen Sinn machen könnte.

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[Bildnachweis: wavebreakmedia by Shutterstock.com]
25. November 2020 Redaktion Icon Autor: Herbstlust Redaktion

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