Umgangsrecht: Ich darf meine Enkel nicht sehen

Für die Betroffenen ist es ein Tabuthema und oft mit Scham erfüllt: Großeltern reden nicht offen darüber, dass ihnen das Umgangsrecht mit ihren Enkelkindern vom eigenem Kind untersagt wird. Sie leiden still, machen sich viele Selbstvorwürfe und bedauern tief den Verlust.

Dabei ist die Problematik weiter verbreitet, als man glaubt: Großeltern, die ihre Enkelkinder nicht sehen dürfen. Vorausgegangen ist immer ein Streit in der Familie. Oft versuchten die Großeltern, ein klärendes Gespräch mit ihrem eigenen Kind zu führen. Leider ohne Lösung.

Wir möchten Sie darüber aufklären, was die Gründe für eine solche Trennung sein können, wie Sie den Konflikt lösen können und welche rechtlichen Möglichkeiten Sie haben…

Umgangsrecht: Ich darf meine Enkel nicht sehen

Gründe: Warum Großeltern ihre Enkel nicht sehen dürfen

Die Gründe, warum Eltern ihren eigenen Kindern den Umgang mit den Großeltern verwehren, sind vielfältig:

  • Trennung
    Der wohl häufigste Grund, warum Großeltern das Umgangsrecht mit ihren Enkeln verlieren, entsteht nach einer Trennung des Elternpaares beispielsweise durch eine Scheidung. Die Familien organisieren sich neu. Dabei offenbart sich ein Zwist zu den Großeltern, der vor her nicht manifestiert war. Oft wollen Mutter oder Vater, dass die eigenen Kindern sich nicht mehr mit den Ex-Schwiegereltern treffen.
  • Eifersucht
    Eifersucht kann auch ein Thema sein: Die Eltern ertragen es nicht, dass ihr eigenes Kind sich so auf Oma und Opa freut – vielmehr als es sich die Gesellschaft der eigenen Eltern herbei sehnt. Sie sehen, wie ihr Kind glücklich in die Arme der Großeltern fliegt. Diese Begeisterung schmerzt sie, weil ihr Kind sich nie so auf sie gefreut.
  • Verletzungen
    Ein Streit zwischen den Erwachsenen kann auch einen Bruch zwischen Oma und Opa und den Enkeln bewirken. Die Eltern sind auf Grund eines Vorfalls verletzt und möchten selber keinen Umgang mit den eigenen Eltern haben. Die Kinder werden dann in Sippenhaft genommen und dürfen die eigenen Großeltern auch nicht mehr treffen.
  • Erziehungsstil
    Häufig genannt wird von den Kindeseltern, dass die Großeltern nicht richtig mit ihren Enkeln umgehen. Die Kinder kommen verhätschelt, verzogen und vollkommen überdreht wieder zurück nach Hause, so dass sie selber erst einmal Struktur geben und Kinder wieder in richtige Bahnen lenken müssen.

Darüberhinaus gibt es noch andere Gründe. Es sind Vorfälle in der Familiengeschichte, welche nicht aufgearbeitet worden sind.

Rechtliche Grundlage: Das Umgangsrecht von Großeltern

Vielen Großeltern ist nicht bekannt, dass es eine gesetzliche Grundlage zum Umgangsrecht mit den Enkeln existiert:

„Großeltern und Geschwister haben ein Recht auf Umgang mit dem Kind, wenn dieser dem Wohl des Kindes dient.“ (§1685 BGB – Bürgerliche Gesetzbuch)


Das klingt zunächst nach einer simplen und soliden Basis: Wenn die Großeltern sich mit den Kindeseltern überworfen haben, können sie das Umgangsrecht mit ihrem Enkel beantragen. Allerdings ist es dann doch nicht so einfach, wie es klingt. Von großer Bedeutung ist das Kindeswohl. Es muss dem Kind „wohl“ tun, dass es seine Großeltern trifft. Wenn ein Wiedersehen das Kind verunsichert, weil die Großeltern zum Beispiel die Erziehungsfähigkeit der Eltern anzweifeln und das Kind in die Schusslinie gerät, kann das Gericht sich gegen dieses Umgangsrecht entscheiden.

Weiterhin entscheidend für das Wohl des Kindes ist, ob vorher eine Bindung zwischen Oma beziehungsweise Opa und dem Kind bestand. Die Großeltern müssen zu dem sozialen Umfeld gehört haben. Man geht davon aus, dass es für ein Kind sinnvoll ist, diese bestehende Beziehung aufrecht zu erhalten.

Es wird überprüft, ob die Bindung für die kindliche Entwicklung förderlich ist. Hierfür existieren Leitlinien, nach denen jeder Fall individuell beurteilt wird. Liegt ein schwerer Konflikt zwischen Eltern und Großeltern vor, der sich in heftigen Auseinandersetzungen äußert, wird vermutet, dass das Kind einen Loyalitätskonflikt gerät. Das Gericht überprüft dann folgende Fragestellungen:

  • Besitzt das Kind auf Grund seines Alter und seiner Persönlichkeit schon die Reife, mit den Kontroversen zwischen Eltern und Großeltern umzugehen oder nicht?
  • Kann es die kritischen Bemerkungen, die gegenseitig ausgesprochen wurden, und die Meinungsverschiedenheiten einordnen?

Besitzt das Kind noch nicht diese Fähigkeiten, kann ein Umgang mit den Großeltern zu belastend sein und das Gericht wird dem Umgang vermutlich nicht zustimmen.

Grundsätzlich haben die Eltern ein Erziehungsvorrecht, das bedeutet, dass sie für die Erziehung zuständig sind und gegenüber allen anderen Angehörigen einen absoluten Vorrang haben. Äußern die Großeltern Zweifel daran, dass die Eltern erziehungsfähig sind und kritisieren sie die Erziehungsmethoden, dient es nicht dem Kindeswohl.

Auch Streitigkeiten, die nicht die Erziehung thematisieren, können dem Umgang widersprechen, weil das Kind in den Streit hineingezogen und durch die Großeltern gegen die Eltern instrumentalisiert werden könnte. Die Ursache des Konflikts und wer im Recht sei, hat keine Bedeutung für das Gericht. Hier hat die stabile Beziehung zwischen Eltern und Kind Priorität.

Bedeutung der Großeltern für die Enkel

Befragt man Jugendliche oder Erwachsene nach ihrer eigenen Beziehung zu den Großeltern, so wird davon berichtet, wie bereichernd und positiv sie erlebt wurden. Großeltern können ihren Enkeln viel bieten: seelische Unterstützung, Sicherheit und Zuflucht, insbesondere dann, wenn es den Eltern auf Grund äußerer Umstände nicht möglich ist. Oma und Opa nehmen diverse Rollen ein:

  • Stabile Bezugspersonen:
    Kinder brauchen verlässliche Menschen in ihrem Umfeld, zu denen sie eine Bindung aufbauen. Das stärkt ihr Ur-Vertrauen und gibt ihnen eine Sicherheit in der Welt. Diese Rolle können Großeltern auch zusätzlich einnehmen.
  • Lehrer:
    Oma und Opa leben nicht mehr in Hektik. Sie haben die Zeit, um ihren Enkeln mit Geduld handwerkliche Fertigkeiten beizubringen: Holzarbeiten mit Hammer und Säge, Nähen, Stricken oder Sticken. Sie können mit ihren Enkeln die Natur erkunden, Pflanzen untersuchen und Tiere beobachten, oder mit ihnen gemeinsam kochen und backen. Nebenbei geben sie ihre Erfahrungen und Wissen aus früheren Zeiten weiter.
  • Emotionale und soziale Unterstützer bei familiären Krisen:
    Großeltern bieten ganz besonders in schweren Zeiten Familien mit Kindern Halt. Bei längere Krankheit der Eltern können sie die Betreuung der Kinder übernehmen und für einen geregelten Tagesablauf, der Verlässlichkeit bietet, sorgen. Auch im Falle einer Trennung oder Scheidung der Eltern sind sie der sichere Anker für die Kinder, weil sie die konstanten Bezugspersonen bleiben.
  • Bewahrer von familiäre Traditionen:
    Kinder lieben Traditionen und Rituale, ganz besonderen an den großen Festtagen wie Ostern oder Weihnachten. Sie freuen sich auf den Besuch der Familie bei Oma und Opa – nicht nur wegen der Geschenke, sondern auch wegen der Heimeligkeit, der liebevoll zubereiteten Speisen, der Dekoration und der Gemeinschaft. Meistens sind es die Großeltern, die hier für den Zusammenhalt der Familie sorgen.
  • Betreuer:
    Insbesondere bei kleinen Enkeln sind Großeltern wertvolle Betreuer für berufstätige Eltern. Sie springen ein, wenn das Kind erkrankt ist, kümmern sich, wenn der Kindergarten schließt. Freiwillig können sie auch die stundenweise Betreuung übernehmen, damit die Eltern entlastet werden und entspannen können. Das fördert die gelassene Atmosphäre in der Familie.
  • Unterstützer – materiell und finanziell:
    Sicherlich ist es problematisch, wenn Oma und Opa ihre Enkel mit Geschenken überschütten, aber – sind wir ehrlich – es gehört zum Image der Großeltern, dass sie Geschenke für die Kleinen mitbringen. Die Präsente sind auch ein klein wenig beziehungsfördernd. Oft haben junge Eltern gar nicht die finanziellen Ressourcen, um ihren Kindern alles zu kaufen. Da helfen die finanzielle Gaben der Großeltern weiter.


Folgen: Getrennt von den Großeltern

Keine Frage – Großeltern und Enkel leiden beide unter der Trennung. Besonders die Kinder verstehen die Hintergründe nicht, warum sie die geliebten Großeltern auf einmal nicht mehr treffen dürfen. Zunächst empfinden die Kinder noch Schmerz wegen der Trennung.

Allerdings muss auch gesagt werden, dass sie sich mit der Zeit von den Großeltern entfremden. Die Lücke wird mit anderen Bezugspersonen aufgefüllt. In schlimmen Fällen entsteht ein Misstrauen gegenüber der ganzen Familie. Der Verlust wurde nicht aufgearbeitet und beschäftigt die Kinder unterbewusst.

Lösungsansätze: Wieder zueinander finden

Die Trennung tut einfach weh. Es schmerzt die eigenen Enkel nicht zu sehen. Doch wie soll man einen Weg zu ihnen zurück finden? Alles beginnt mit einem Gespräch:

Aussprache
Miteinander reden ist gar nicht so einfach, vor allem, wenn die Fronten sich verhärtet haben und alle Versuche in heftigen Anschuldigungen enden, die den Graben nur tiefer und unüberwindbarer machen.

Wenn Sie dennoch das Gespräch suchen möchten, achten Sie unbedingt auf den Zeitpunkt. Es macht keinen Sinn eine gestresste Mutter oder einen entnervten Vater anzusprechen. Es ist auch wenig hilfreich, wenn dabei Kinder zu beaufsichtigen sind. Dann kann sich keiner auf das Gespräch konzentrieren.

Am besten laden Sie zu einem ruhigen Gespräch ein, zum Beispiel in ein schönes Restaurant. Lassen Sie die Kindeseltern erzählen und hören Sie zu – ohne Anschuldigung. Natürlich können Sie auch von Ihren Empfindungen berichten, dass es Sie schmerzt, ihre Enkel nicht sehen zu dürfen. Klagen Sie jedoch nicht an, sondern fragen Sie nüchtern, ob es nicht doch eine Lösung gibt und ob es eine Chance für eine neue Vereinbarung gibt.

Wenn das Gespräch wieder eskaliert, brechen Sie es ab. Keiner muss derbe Beleidigungen über sich ergehen lassen. Respekt und Achtung voreinander sind ein Muss. Gut beraten sind Sie, wenn Sie sich vorher schon erkundigt haben, ob es in ihrer Nähe eine Möglichkeit gibt, Ihr Gespräch professionell begleiten zu lassen. Sie können dann eine Mediation vorschlagen.

Mediator
Ein Mediator ist ein Vermittler in einem Kommunikationsprozess und führt unabhängig und neutral durch das Gespräch. Sein Ziel ist nicht unbedingt die Vergangenheit zu klären, viel mehr ist er zukunftsorientiert und möchte mit den Beteiligten ein tragfähige Lösung mit Vereinbarungen finden. Für das Gespräch bietet er optimale Rahmenbedingungen und sorgt dafür, dass sich die Parteien mit Achtung und Respekt begegnen.

Pastoren haben ein Interesse daran, Familien zusammen zuführen. Bei ihnen können Sie nachfragen, ob Sie sie durch ein Gespräch leiten würden. Ansonsten können Sie sich auch nach einem professionellen Mediator umsehen, der allerdings bezahlt werden muss.

Gerichtsbeschluss
Ob Sie gerichtlich vorgehen möchten, sollten Sie besonders überdenken. Ein Verfahren bürgt eine Eskalation in sich. Wie bereits beschrieben, haben die Richter das Kindeswohl genau im Blick. Das Wohlergehen des Kindes hat hier oberste Priorität – und dementsprechend entscheiden sie vielleicht nicht in Ihrem Sinne.

[Bildnachweis: Mladen Mitrinovic by Shutterstock.com]
20. September 2020 Redaktion Icon Autor: Herbstlust Redaktion

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