Verzeihen lernen: 4 Schritte, um endlich vergeben zu können

Verzeihen – vielen fällt das unglaublich schwer. Sie tragen die Verletzung, den Groll, den Hass und die Schuld mit sich. Besonders ungeklärte Konflikte belasten sie. Wer nicht vergeben kann, blockiert sich und sein Glück. Dabei ist das Verzeihen eine Schlüsselkompetenz im Leben: Wir kommen mit uns selbst und mit anderen ins Reine. Wir zeigen Ihnen hier, wie Sie Verzeihen lernen können – auch wenn der andere nicht um Entschuldigung bittet…

Verzeihen lernen: 4 Schritte, um endlich vergeben zu können

Verzeihen: Der stärkste Akt der Liebe

In jeder gut funktionierenden Beziehung passieren Fehler. Immer wieder. Oft auch die selben. Solche Rückschläge zu verzeihen und sich nicht in Groll und Zorn zu verziehen – das ist eine Kunst.

Dabei wollen Menschen grundsätzlich vergeben, wie eine Studie der Universität Yale zeigt. Unser Verstand ist darauf angelegt. Aus gutem Grund: Wenn wir schlechte Eindrücke, die Menschen bei uns hinterlassen, nicht revidieren könnten, würden wir Beziehungen frühzeitig abbrechen. Dabei besteht die Möglichkeit, dass sich Menschen aus Versehen falsch verhalten oder einsichtig sind. Es wäre schade, um diese verloren gegangenen Beziehungen.

Dennoch ist das Verzeihen nicht einfach, insbesondere dann, wenn wir von unseren Liebsten verletzt wurden. Den Menschen, die uns nahe stehen, haben wir uns geöffnet. Sie kennen unsere Stärken und Schwächen. Ihnen haben wir uns anvertraut. Fehltritte von ihnen sind schwerer zu verzeihen.

Die Liebe und Zuneigung zu ihnen helfen uns und machen es möglich, dass wir die Hand zur Versöhnung reichen. Gerade in einer Beziehung ist es wichtig, einen Schlussstrich unter das Geschehene zu machen. Das ist befreiend und macht glücklich.

Verzeihen wird hier zum Start für einen Neubeginn.

Verzeihen: Sprüche und Zitate

  • „Man kommt in der Freundschaft nicht weit, wenn man nicht bereit ist, kleine Fehler zu verzeihen.“ (Jean de la Bruyère)
  • „Wer unfähig ist, zu vergeben, der ist auch unfähig, zu lieben.“ (Martin Luther King)
  • „Wir müssen jenen vergeben, von denen wir glauben, dass sie uns Unrecht angetan haben. Nicht, weil sie es verdienen, sondern weil wir so viel Liebe für uns selbst empfinden, dass wir nicht weiterhin für diese Ungerechtigkeiten bezahlen wollen.“ (Miguel Ruiz)
  • „Wer Reue zeigt, den sollte man nicht an seine früheren Sünden erinnern.“ (Jüdisches Sprichwort)
  • „Der Schwache kann nicht verzeihen. Verzeihen ist eine Eigenschaft des Starken. (Mahatma Ghandi)
  • „Sünden können nicht ungeschehen gemacht, sondern nur vergeben werden.“ (Ìgor Stravinski)

Verzeihen und Vergeben: Gibt es einen Unterschied?

„Vergeben“ und „Verzeihen“ werden im Volksmund oft parallel benutzt. Umgangssprachlich bedeuten beide „dem anderen nicht mehr böse sein“, obwohl er etwas falsch gemacht hat. Der Verletzte lässt den Schuldigen ziehen, ohne eine Wiedergutmachung einzufordern. Dennoch gibt es einen Unterschied zwischen beiden Begriffen. Dieser wird klar, wenn man die ursprüngliche Bedeutung beider Begriffe hinzuzieht.

  • Verzeihen: Verzeihen stammt von dem alten Verb „zeihen“ ab. Dies bedeutet auf einen Schuldigen „zeigen“, also eine Person an- oder beschuldigen. Verzeihen meint genau das Gegenteil: Eine Bezichtigung oder Anklage wird zurückgezogen.
  • Vergeben: In dem Wort Vergeben steckt das Wort „Geben“. Im Prozess des Vergeben erhält die Person auch etwas: Ihr wird die Schuld erlassen. Die Vergebung reicht somit tiefer als die Verzeihung. Hier wird nicht nur die Anklage zurückgezogen, sondern der andere von seiner Schuld freigesprochen – und das unabhängig davon, ob er oder sie den Fehler eingesehen hat oder nicht.

Dinge, die man nicht verzeihen kann

„Das ist unverzeihlich!“, ein Ausspruch, den wahrscheinlich jeder schon mal gehört hat. Er wird in verschiedenen Situationen genannt:

  • Einer ist fremd gegangen.
  • Einer hat seinen Partner missbraucht.
  • Einer hat den anderen misshandelt.
  • Einer hat gelogen.
  • Einer hat den anderen erpresst.
  • Einer macht den anderen für all seine Probleme verantwortlich.
  • Einer hat den anderen hintergangen.
  • Einer achtet den anderen nicht.

Jeder Mensch macht in seinem Leben Fehler. Keiner ist perfekt. Aber wo ist die Grenze? Was kann man noch tolerieren und verzeihen? Dahinter steckt eigentlich die Frage, ob man eine Beziehung beenden sollte.

Diese Frage lässt sich nicht beantworten, ohne die Zusammenhänge zu kennen. Es wäre keinesfalls richtig, hier eine allgemein gültige Antwort zu geben. Alles passiert in einem Kontext, in dem es betrachtet werden muss.

Wenn Sie sich die Frage stellen, ob Sie eine Beziehung oder Freundschaft beenden sollen, dann betrachten Sie Ihre gemeinsame Vergangenheit und die Gegenwart. Reflektieren Sie über die Erfahrungen, die Sie mit dem anderen gemacht haben:

  • War es ein einmaliger Fehler oder eine Wiederholungstat?
  • Sehen Sie noch eine Chance für Veränderung oder geben Sie die Hoffnung auf?

Es ist in Ordnung einen Schlussstrich unter eine Beziehung zu setzen, wenn Sie sich selber schützen müssen. Die Selbstaufgabe sollte nicht das Ergebnis eines Konfliktes sein. Damit ist keinem gedient.

Fremdgehen verzeihen

Festzustellen, dass der Partner oder die Partnerin fremd geht, tut weh. Es ist eine Extremsituation, die erstmal verarbeitet werden muss. Natürlich stellt sich der Betrogene die Frage, ob er die Affäre verzeihen kann.

Handelt es sich um einen One-Night-Stand, glauben die Hintergangenen oft, es eher verzeihen zu können. Sie bewerten den Fehltritt als eine Ausnahme. Vielleicht waren beide enthemmt durch Alkohol.

Schwierig wird es, wenn die Affäre länger dauerte, etwa Monate oder Jahre. Kann man dann die Affäre dann noch verzeihen?

Grundsätzlich ist es möglich. Wichtig ist hier, dass der, der fremd gegangen ist, einsichtig ist und um Verzeihung bittet. Damit legt er eine Basis für einen Neustart.

Trotz des Bekenntnisses zur Beziehung muss beiden klar sein, dass das Vertrauen neu wachsen muss. Eine Entschuldigung macht das Geschehene nicht ungeschehen. Die Heilung braucht Zeit und viele vertrauensbildende Maßnahmen. Im Gespräch müssen die Partner Spielregeln für eine gemeinsame Zukunft finden.

Vergessen kann man eine Affäre nicht. Aber man kann sie verzeihen. Ein schwieriger, oftmals langwieriger Prozess. Es ist allerdings auch möglich, dass beide auf dem Weg feststellen, dass eine gemeinsame Zukunft doch nicht mehr vorstellbar ist.

Verzeihen lernen: Vier Schritte

Verzeihen lernt man leider nicht über Nacht. Es ist ein Lernprozess, den man schrittweise durchläuft. Sie brauchen dafür ein wenig Abstand, müssen über sich selbst reflektieren und versuchen, empathisch zu denken. Das lässt sich lernen. Wir zeigen Ihnen, wie das funktioniert…

Verzeihen Koennen Vergebung Lernen Zitate 4 Schritte Grafik

  1. Wechseln Sie die Perspektive
    Bislang haben Sie vor allem auf die Gefühle geachtet, die das Fehlverhalten bei Ihnen ausgelöst haben. Versuchen Sie jetzt mal einen Perspektivenwechsel: Betrachten Sie die Person und den Vorfall mit etwas Abstand und fragen Sie sich:

    • Ist die Sache den Ärger überhaupt wert?
    • Wurde etwas gedankenlos gesagt, was womöglich nicht so gemeint war?
    • Wie stehe ich zu der Person? Ist sie mir wirklich so wichtig?

    Vielleicht erreichen Sie an dieser Stelle schon den Punkt und sagen sich: „Diese Aufregung ist es mir nicht wert! Es ist eine Lappalie. Ich sollte mich damit nicht belasten.“ Gut so! Umso schneller können Sie Ihrem Gegenüber verzeihen.

  2. Treffen Sie eine Entscheidung
    Stellen Sie für sich selber fest: „Ich will eine Veränderung für diese Situation. Ich möchte diese Enttäuschung und Verletzung verarbeiten. Sie sollen meine Gedanken nicht mehr bestimmen.“

    Es klingt nur banal: Verzeihen und Vergeben sind zuerst und vor allem reine Kopfsache (auch wenn wir anders fühlen). Treffen Sie eine bewusste Entscheidung. Nehmen Sie sich ruhig Zeit dafür. Im Zweifel führen Sie sich nochmal vor Augen, welche Vorteile Sie davon haben.

  3. Versuchen Sie sich, in den anderen einzufühlen
    Bis hierhin haben Sie für sich selbst eine Entscheidung getroffen. Sie haben Ihre Verletzungen benannt und analysiert und möchten nun eine Veränderung. Versuchen Sie sich dazu bitte auch in den anderen hineinzuversetzen: „Was könnte ihn zu seinen Worten oder Taten bewegt haben?“ Empathie ist ein wichtiger Schritt in Richtung Vergebung. Diese Fragen können dabei helfen:

    • Warum hat er sich so verhalten?
    • Gibt es aus seiner Sicht, gute Gründe für sein Handeln?
    • Kann es sein, dass ihm bestimmte Hintergrundinformationen fehlten?
    • Hat er vorsätzlich gehandelt oder war es vielleicht ein Versehen?
    • Wie war seine psychische Situation? War er im Stress? Gibt es etwas, was ihn gerade belastet?

    Wohlgemerkt: Sie müssen das Verhalten des anderen dadurch nicht gutheißen. Aber wenigstens verstehen und nachvollziehen können. Selbst wenn Sie betrogen oder hintergangen wurden: Auch dafür gibt es wissenswerte Motive. Manchmal nicht mal eine böse Absicht.

    Analysieren Sie anschließend Ihr eigenes Verhalten:

    • Habe ich mich missverständlich ausgedrückt?
    • Habe ich so ein Handeln in der Vergangenheit schon mal unterstützt?
    • Was habe ich dazu beigetragen?

    Womöglich sind Sie an der Situation nicht ganz unbeteiligt. Meistens ist das so. Zum Streiten gehören schließlich immer zwei. Indem Sie aber Verständnis für die Aktion oder Reaktion Ihres Gegenübers gewinnen, wird auch das Verzeihen leichter.

  4. Lassen Sie bewusst los
    Jetzt gilt es loszulassen. Aber wirklich: Lassen Sie Ihr Leben nicht mehr von Groll oder Hass dominieren. Lassen Sie all die negativen Gedanken los. Es ist egal, was passieren wird oder wie der andere denkt. Sie verzeihen. Punkt. Das war’s. Das Leben ist eben kein Ponyhof.

    Aber ab jetzt widmen Sie sich wieder – bewusst – den schönen Dingen: Suchen Sie Kontakt zu Menschen, die Ihnen gut tun. Füttern Sie Ihre Gefühlswelt mit positiven Erlebnissen – und Sie werden eine Form der Befreiung fühlen. Denn nun haben Sie die Kontrolle über Ihr Leben wieder zurück.

    Und ganz wichtig: Lassen Sie den Dingen ihre Zeit. Suchen Sie die Aussprache – aber geben Sie der Sache auch Zeit zu heilen. Ein Vertrauensverlust braucht neue Erfahrungen oder Beweise, um neues Vertrauen wachsen zu lassen. Seien Sie also bitte nicht ungeduldig. Beziehungen wachsen – auch nach einer Krise.

Kann man verzeihen ohne Entschuldigung?

In unserer Vorstellung läuft die Lösung eines Konfliktes so ab:

  1. Streit
  2. klärendes Gespräch
  3. Einsicht und Entschuldigung
  4. Vergebung

Fehlt der Schritt „Einsicht und Entschuldigung“, scheint die Situation unlösbar. Gemeinhin ist man der Auffassung, dass erst einer um Entschuldigung bitten muss, damit man ihm auch verzeihen kann.

Das klingt plausibel, ist aber falsch. Verzeihen ohne Entschuldigung ist ebenso möglich. Denn Verzeihen ist eine Aktion, die von der verletzten Person ausgeht. Diese entscheidet, ob sie immer noch „mit dem Finger auf den anderen zeigen“ und ihn „anklagen“ möchte.

Das Verzeihen ist nicht davon abhängig, ob der andere sich entschuldig hat oder nicht. Sicher, der Akt fällt einfacher, wenn der andere sich Einsicht zeigt. Muss er oder sie aber nicht. Es ist allein unser (guter) Wille.

Verzeihen und loslassen

Schmerz kann sehr tief sitzen. Wenn die Verletzung groß ist, kann das Erlebte noch nach Jahrzehnten extrem weh tun. Man spürt vielleicht, dass das Loslassen hilfreich wäre, weil die Bitterkeit belastend ist, aber gelingen will es nicht. Der Groll kommt immer wieder hoch.

Solche heftigen Erfahrungen loszulassen braucht Zeit. Verzeihen lernt man in solchen Fällen nicht von heute auf morgen.

Wichtig ist, dass wir in einem ersten Schritt diesen Schmerz wahrnehmen. Die Wut runterschlucken und stattdessen Verständnis zeigen, ist mit „Loslassen“ nicht gemeint. Der Schmerz würde im Unterbewusstsein weiter schwelen und irgendwann ausbrechen.

Die Vorwürfe immer wieder durchzukauen ist genauso wenig hilfreich, weil sich die Gedanken nur im Kreise drehen.

Stattdessen hilft es, sich einmal alles von der Seele zu schreiben – insbesondere dann, wenn Sie nicht mehr die Möglichkeit haben, mit dem Betroffenen selber zu sprechen. Nehmen Sie sich dafür Zeit und lassen Sie alle Gedanken zu. Schreiben Sie auf, was Sie denken. Verfassen Sie einen Brief an die Person, in dem Sie alles unzensiert auf das Papier bringen.

Aber schicken Sie diesen Brief nicht ab. Sie können ihn verbrennen und die Asche das Wasser eines Baches rieseln lassen. Dieser Akt wird so zu einem „Loslass-Ritual“.

Solch ein Ritual hilft, weil Sie sich immer wieder daran erinnern können, dass Sie einmal eine bewusste Entscheidung getroffen haben: Sie wollen sich nicht mehr von diesen destruktiven Gefühlen gefangen nehmen lassen.

Wie kann man sich verzeihen?

Wer sich selber nicht verzeihen kann, hat große Schuldgefühle. Er zeigt immer wieder auf sich selbst und klagt sich an.

Dabei bringen Schuldgefühle ihn in keiner Weise weiter, denn keiner kann ungeschehen machen, was passiert ist. Wir können auch nicht Fehler in der Zukunft vermeiden. Im Gegenteil: Die Schuldgefühle blockieren uns.

Wer immer wieder darüber nachgrübelt, was er falsch gemacht hat, bewegt sich im Kreis und reißt die Wunder auf. Er badet in den negativen Gefühlen, aber bewegt sich nicht voran. Er bleibt regelrecht in der Vergangenheit stecken.

Nur Einsicht bringt hier Veränderung. Der Betroffene muss erkennen: „Ich bin fehlbar“. Diese Erkenntnis passt nicht in jedes Menschenbild. Aber jeder Mensch macht Fehler. Keiner kann sich davon frei sprechen.

Fehler passieren nicht losgelöst. Sie sind eingebettet in verschiedene Umstände. Das eigene Unvermögen ist nur ein Teil des Umstandes. Wer sich selber verzeihen will, muss für seine Unzulänglichkeit Reue zeigen.

Reue zeigen wiederum ist ein aktiver Vorgang: Man verlässt die Vergangenheit und sucht in der Gegenwart nach Möglichkeiten, wie man sich selber korrigieren oder zumindest Fehler in der Zukunft vermeiden kann. Damit übernimmt der Betroffene Verantwortung für das Geschehene und entwickelt sich weiter.

Warum können manche Menschen nicht verzeihen?

Dem anderen zu verzeihen, wenn er einsichtig ist, Reue zeigt und seinen Fehler zugibt, das ist möglich. Spüren wir, dass die Entschuldigung aufrichtig ist und unser Gegenüber unsere Verletzung (empathisch) erkennt und einsieht, fühlen wir uns verstanden und können leicht vergeben.

Doch manchmal können Menschen nicht verzeihen. Was ist die Ursache? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns genauer anschauen, was vorher passiert ist.

Es gibt verschiedene Auslöser und Gründe, warum einer grollt. Oft steckt dahinter eine falsche Handlung oder eine Äußerung, die enttäuscht, gekränkt oder verletzt hat. Einige Beispiele:

  • Ein Freund oder Familienmitglied hat hinter dem Rücken schlecht über uns geredet. Nun erfahren wir das über Dritte.
  • Eine Mutter oder ein Vater unterstützt sein Kind nicht in einer Notlage.
  • Der Partner hat den Hochzeitstag vergessen.

Die möglichen Konflikte haben eine unterschiedliche Brisanz. Durch die subjektive Wahrnehmung beurteilt jeder das Geschehene anders.

Gerade in der Familie und im engsten Freundeskreis wiegen solche Konflikte schwerer, weil wir uns nahe stehen. In der Regel vertrauen wir diesen Menschen am meisten. Um so mehr leiden wir unter der Verletzung und Enttäuschung.

Jeder Konflikt ist eingebettet in Umstände, die dazu führen können, dass jemand nicht verzeihen will:

  • Stolz
    Sagen wir es, wie es ist: In den meisten Fällen steckt Stolz hinter der Unversöhnlichkeit. Die Betroffenen können einfach nicht darüber hinwegsehen, dass sie derart gekränkt wurden. Das ist nicht gerecht. Also muss der Täter bestraft werden. Die Betroffenen wollen es ihm heimzahlen – mit Ablehnung, Ausgrenzung, Schuldzuweisung und einem schlechten Gewissen. Es ist eine subtile, emotionale Form der Bestrafung und Rache.
  • Biographie
    Das, was der eine als außerordentliche Kränkung empfindet, ist für den anderen nicht mal erwähnenswert. Wie eine negative Äußerung bewertet wird, ist immer abhängig von der eigenen Biographie, von den Erfahrungen, die gemacht wurden. Und von den Assoziationen, die geweckt werden.
  • Erfahrungen
    Ist es das erste Mal, dass dieses verletzende Verhalten passiert ist oder kam dieser Fehltritt schon häufiger vor? Beim ersten Mal ist Vergebung oft noch leicht möglich, weil die Hoffnung überwiegt, dass sich die Sache nicht wiederholt und alles wieder gut wird. Wenn es aber häufiger vorgekommen ist, geht diese Hoffnung verloren. Das Vertrauen in eine Änderung schwindet.
  • Fehlende Stärke
    Es klingt paradox: Eigentlich bezeichnen wir denjenigen als stark, der konsequent seiner Meinung treu bleibt und von seinem Standpunkt nicht abweicht. Aber das Gegenteil ist richtig: Es ist eine Stärke, den eigenen (engen) Blickwinkel zu erweitern, sich in den anderen hineinzuversetzen und darum die eigene Haltung zu revidieren – und zu verzeihen.

Mein Partner kann Fehler nicht verzeihen: Was tun?

Es ist normal, dass es in einer Partnerschaft auch mal kriselt. Kein Mensch ist perfekt. Wir alle machen Fehler. Wer in einer langjährigen Beziehung lebt, weiß das. Ein Streit ängstigt dann auch nicht. In der Regel finden beide Partner in einem versöhnenden Gespräch wieder zusammen.

Es gibt aber Konflikte, die lassen sich nicht so schnell bereinigen. Der eine ist zutiefst getroffen und kann diesen einen Fehler partout nicht verzeihen. Was sollte man dann tun?

Verzeihen ist vor allem eines: eine Entscheidung. Wenn der Partner nicht verzeihen will, kann dies mehrere Gründe haben:

  • Der Partner/die Partnerin wurde zu oft enttäuscht oder verletzt. Er/Sie glaubt nicht mehr daran, dass das Fehlverhalten eingestellt wird.
  • Er/sie möchte die Position nicht aufgeben, weil er/sie glaubt, dann seine Macht aufzugeben.
  • Er/sie ist zu stolz und denkt er/sie würde sein Gesicht verlieren, wenn er/sie jetzt nachgibt.

Das Problem daran: Verzeihen kann nicht erzwungen werden. Das steckt schon in der Formulierung „um Verzeihung bitten“. Derjenige, der um Verzeihung bittet, appelliert an die Güte desjenigen, der verletzt wurde. Wir können eben nicht erzwingen, dass uns jemand verzeiht. Viel mehr kann der Verletzte entscheiden, ob er milde sein möchte oder eben nicht. Es ist ein freiwilliger Prozess.

Manchmal bedeutet das, dass man die Spannung in der Beziehung aushalten muss. In dem Fall müssen Sie Ihrem Partner Zeit schenken, bis er/sie verzeihen kann und für sich die Erkenntnis gewinnt, dass Verzeihen einem Befreiungsschlag gleich kommt und beide weiterbringt.

Wenn der schwelende Konflikt zu belastend für Sie ist, können Sie auch eine Paarberatung oder -therapie in Anspruch nehmen, um Klärung zu erlangen.

Warum ist es besser zu verzeihen?

Im Endeffekt schadet man sich nur selber, wenn man nicht verzeiht.

Die Beziehung bleibt belastet. Das eigene Leben auch, denn viel zu oft erinnert sich der Verletzte an die Tat. Auch den Kontakt abbrechen, ist keine echte Lösung. Die Konfliktbewältigung wird nicht abgeschlossen und es bleibt eine dunkle Erinnerung, die immer wieder Traurigkeit und Wut weckt.

Verzeihen zieht einen Schlussstrich unter diese Gedanken und diese Abwärtsspirale aus Stolz, Renitenz und Unterstellungen. Das Verzeihen ist weniger eine Entlastung für den Täter, der verletzt hat. Vielmehr ist es ein Befreiungsakt für den Verletzten.

Mit weitreichenden Folgen:

Bitterkeit schadet unserer Gesundheit. Der Psychologie-Professor Carsten Wrosch von der Concordia Universität in Kanada hat beispielsweise untersucht, wie sich Bitterkeit und nachtragende Gedanken auf unseren Körper auswirken.

Dabei stellte er fest: Bitterkeit, insbesondere wenn sie chronisch wird, hat einen erheblichen Einfluss auf die biologischen Funktionen. Unser Immunsystem wird dadurch geschwächt. Der Groll kann uns sogar krank machen.

Menschen, die nicht verzeihen wollen, leiden nicht selten an folgenden körperlichen Symptomen:

  • Erschöpfung
  • Anspannung
  • Kopfschmerzen
  • Magenschmerzen
  • Rückenschmerzen
  • Schlafstörungen
  • Bluthochdruck

Deshalb ist es wichtig, die Vergangenheit loszulassen und sich stattdessen selbst zu befreien.

Vergeben und vergessen: Ist das möglich?

Die Redewendung „Es ist vergeben und vergessen!“ kommt leicht über die Lippen. Doch kann man wirklich so schnell vergessen, was passiert ist? Besonders, wenn man verletzt wurde?

Erfahrungen lassen sich nicht einfach ungeschehen machen. Die Bilder, die Gefühle – sie bleiben im Kopf und im Herz. Selbst wenn wir verzeihen, können diese Tage später wieder hochkommen. Es ist eben nicht vergessen, was geschah.

Unser Gedächtnis speichert die gemachten Erfahrungen, die schönen – wie die schlechten. Und sie ziehen unwillkürlich an unserem inneren Auge vorbei. Unaufhaltbar. Die Frage ist darum: „Wie gehen wir mit diesen Erinnerungen um?“

Hinter dem Ausspruch „Vergeben und Vergessen“ steckt eine weitere Entscheidung, nämlich wie wir KÜNFTIG mit den Erinnerungen umgehen wollen. Wir können uns (erneut) darauf einlassen, ihnen nachgehen – mit allen (negativen) Konsequenzen. Oder nicht.

Die Alternative wäre, sich selber zu bestärken: „Ich habe das hinter mir gelassen. Es ist vergeben und verziehen.“ Dann richten wir den Blick auf positive Erfahrungen, die belegen, dass die Beziehung wieder besser wird.

Wir können den Knacks in der Beziehung, Partnerschaft, Freundschaft nicht ungeschehen machen. Auch nicht vergessen. Aber wir sind in der Lage zu entscheiden, wohin unsere Aufmerksamkeit fließt. Mit der Zeit erinnern wir diesen Konflikt seltener. Wir haben vielleicht noch ein paar Bilder im Kopf, aber die negativen Gefühle werden schwächer, bis sie verschwunden sind.

Die Bedeutung von Vergebung in der Bibel

In der Bibel hat die Vergebung eine zentrale Bedeutung. Gott versöhnt sich mit den Menschen, indem er seinen eigenen Sohn, Jesus Christus, am Kreuz für die Sünden der Menschen sterben ließ. Die Schuld für die Sünde wird von Jesus am Kreuz getragen. Jeder kann nun Vergebung für sein Fehlverhalten bekommen, sofern er daran glaubt und zu Gott kommt: „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eigenen Sohn gab, auf das alle die an ihn glauben nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben.“ (Johannes 3,16)

Damit verbunden ist aber auch die Aufforderung, selber zu vergeben. Paulus schreibt in einem Brief: „Ertragt einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!“ (Kolosser 3,13)

Jesus ging sogar noch weiter und forderte eine unbegrenzte Versöhnungsbereitschaft: „Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal? Jesus sagte zu ihm: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.“ (Matthäus 18,21f) Es dürfen aber auch 78 Mal und mehr sein…

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5. Februar 2020 Redaktion Icon Autor: Herbstlust Redaktion

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